Archiv der Kategorie: Interview

#FacesOfPhotography – Teil 104: Verena Müller aus Stuttgart

Zu den Kunden von Verena Müller gehört ein großes Krankenhaus, für das sie die Auswirkungen der Pandemie zu rein dokumentarischen Zwecken fotografiert hat. Und auch sonst hat sie in den vergangenen Monaten Jobs rund um das Thema fotografieren können – darüber und seit wann wieder andere Themen angefragt werden, darüber hat sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Verena, welcher ist Dein fotografischer Schwerpunkt?
Meine Fotos mache ich im Bereich Editorial und Corporate, am liebsten fotografiere ich Menschen. Aus der Beobachtung, während sie zum Beispiel in ihrer Arbeit vertieft sind, und inszeniert als Portrait. Es ist schön und spannend, dabei aus ihrem Leben zu erfahren. Je nach Job passiert das mehr oder weniger, aber ich kann immer neue Gedanken und Eindrücke aus diesen Begegnungen mitbringen.
Einen Schwerpunkt in meiner Arbeit bilden sicherlich die Themen Gesundheit und Medizin. Das hat sich aus einem größeren freien Fotoprojekt über Menschen mit seltenen Erkrankungen entwickelt. Diese Arbeit ist jahrelang in Deutschland als Ausstellung getourt.
Generell kann ich sagen, dass für mich Geschichten und Themen nicht unbedingt eine offensichtliche Dramatik haben müssen. Ich mag auch die leisen, unscheinbaren Alltagsthemen und bin überrascht, unter einer manchmal gewöhnlichen Oberfläche eine Tiefe zu entdecken, die ich nicht erwartet hatte.

Altersheim in Stuttgart – an diesem Tag, den 13. März 2020, wurde verkündet, dass keine Besucher mehr kommen dürfen.

Wie waren Deine vergangenen fotografischen Wochen und Monate – rein jobmäßig betrachtet?
Kurz nach dem Lockdown wurden alle Aufträge abgesagt oder verschoben. Anders als erst einmal erwartet, bin ich bis jetzt doch gut durch diese Zeit gekommen. Da Medizin, wie schon erwähnt, ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist, konnte ich im Auftrag für einen langjährigen Kunden, ein großes Klinikum, die Corona-Situation vor Ort fotografieren. Da war keine aktuelle Verwendung geplant, sondern es war eher eine Dokumentation dieser »historischen Situation«.
Und dann kamen weitere Jobs von Zeitungen und Magazinen hinzu, alle zum Thema Corona, beispielsweise Portraits eines Pathologen, dessen Schwerpunkt Covid-19 ist, oder Gastronomen, die ihr Lokal schließen mussten.
Seit vielleicht einem guten Monat kommen auch wieder andere Aufträge, beispielsweise Mitarbeiterportraits – das Homeoffice scheint in einigen Unternehmen jetzt vorbei zu sein. Ich denke, ich habe großes Glück mit meinen Arbeitsschwerpunkten. Wenn ich mit Kollegen aus anderen Bereichen spreche, die zum Beispiel hauptsächlich Veranstaltungen fotografieren, weiß ich, dass die Einschränkungen bei ihnen noch länger und viel stärker spürbar sein werden.

Covid19: Auf der Intensiv-Station.

Hattest Du Gelegenheit, an freien Strecken zu arbeiten?
Die Zeit im Lockdown habe ich genutzt, um endlich meine neue Homepage zu machen. Ich arbeite seit über drei Jahren hauptberuflich als Fotografin. Gerade in der Anfangszeit war mir wichtig, wirtschafltich alles zum Laufen zu bringen. Da hat mir die Zeit für ein freies Projekt gefehlt. Jetzt habe ich mich für ein Thema entschieden, fange an Kontakte herzustellen und
arbeite gerade das Exposé aus. Ich stehe in den Startlöchern!

Was denkst Du, was wird die Zukunft der Fotografie allgemein bringen?
Ich denke durch die wirtschaflichen Auswirkungen der Pandemie wird in manchen Bereichen mehr gespart werden. Allerdings denke ich auch, dass weiterhin sehr viele Fotos auf allen möglichen Kanälen veröffentlicht werden. Hier finde ich es wichtig, uns als Fotografen gut aufzustellen und zu verhandeln, die eigene Bildsprache zu verfestigen, Beratung zu
bieten und dadurch Kunden zu binden.

Stephanie Hofmeister, 44, Wirtin der Fellbacher Weinstube „Moiakäfer“, rangiert am 16. April 2020 Tische und Stühle von der Gaststube aus. Sie hat nun mit Mindestabstand bestuhlt um nach der Corona-Krise schnell wieder hochfahren zu können.

Und was hoffst Du, was sie Dir bringen wird, die Zukunft?
Ich hoffe, dass ich weiter meine Brötchen mit der Fotografie verdienen kann. Daneben möchte ich freie Projekte machen über Menschen und Themen, die weniger Aufmerksamkeit bekommen.
Wichtig ist für mich auch der konstante Austausch mit anderen visuellen Menschen, um fotografisch nicht stehen zu bleiben. Ich fotografiere, seit ich 12 Jahre alt bin. Direkt nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Fotografin gemacht und danach Fotojournalismus in Hannover studiert. Seit einiger Zeit fotografiere ich auch wieder frei kleine Geschichten, Momente und Portraits. In Aufträgen habe ich angefangen zu experimentieren, an meiner Herangehensweise und Bildsprache zu arbeiten. Diese Leichtigkeit möchte ich gerne beibehalten.

Website von Verena Müller
Instagram-Feed von Verena Müller

Natürlich können Sie auch gerne über Fotogloria Kontakt zu Verena aufnehmen – melden Sie sich jederzeit unter 040 609 42 906 -0 oder info@fotogloria.de

10 Jahre Fotogloria – Edda Fahrenhorst und Mike Gamio

Kommendes Wochenende wäre es soweit gewesen – gefeiert hätten wir das rauschende Jubiläumsfest. Gutes Bier, ein paar schicke Bilder an den Wänden, auf jeden Fall viele Freunde… Wie so vieles in diesem Jahr, kam auch das anders als gedacht, gewünscht, gehofft.
Nichtsdestotrotz haben wir etwas zu feiern, denn Fotogloria ist seit ein paar Tagen 10 Jahre alt!

Und da wir tatsächlich immer noch und immer wieder gefragt werden: Was macht dieses Fotogloria eigentlich so ganz genau?… Voilá – hier gibts Antworten von Edda und Mike auf 10 Fragen zu 10 Jahren (Achtung, es folgt ein laaaaaaanges Lesestück), garniert mit ein paar Anekdoten und abgerundet mit ein wenig Pathos. Viel Spaß!

Warum Fotografie?

Mike: Ich könnte bei der Frage recht weit ausholen – dass es in meiner Familie eine sehr lange fotografische Tradition gibt, dass mein Urgroßvater etwa um 1900 den ersten Fotoladen in Patagonien eröffnete, dass mein Vater schon immer fotografierte, mein Bruder undsoweiter… Aber wie ich tatsächlich in die Fotografie als Beruf gerutscht bin ist sehr viel banaler und ernüchternder. Mein Abschluss an der Universität reichte nicht, um ein Referendariat zum Lehrer zu starten. Zu der Zeit jobbte ich bei einem Magazin, dieses neue Medium Internet war im Aufwind und darin fand ich eine Stellenanzeige zur Ausbildung zum Bildredakteur bei der Agentur Bilderberg. Und verrückterweise wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen und während des Interviews von Edda eingestellt. Daran sieht man: Wie so oft kommt alles anders – ich verliebte mich in die Fotografie und darf seit nun 16 Jahren davon leben!

Edda: Die Fotografie… Tja, ich habe ein paar Fragen dazu: Wie wirkt sie in welchem Kontext? Welche Menschen arbeiten wie mit der Fotografie? Wer entscheidet, welche Bilder und warum das Licht der Öffentlichkeit erblicken? Welche Bilder schaffen es wo im Markt? Werden die fotografischen Botschaften wie gedacht verstanden? Was braucht es, damit keine Missverständnisse entstehen? Was braucht es auf der anderen Seite, damit Botschaften gezielt ankommen? All das ist ein großes und komplexes Zusammenspiel, das ich eines Tages wirklich gerne wirklich ganz verstehen würde. Dafür braucht es aber sicher noch ein paar Jahre mehr…

Fragen über Fragen…

Was ist das eigentlich, dieses Fotogloria?

Edda: Fotogloria ist ein großes Fotografie-Netzwerk. Wer Bilder oder den Austausch darüber sucht, kann sich an uns wenden. Ebenso wer Bilder macht oder in angrenzenden Diszplinen über Bilder nachdenkt. Konkret: Wir realisieren Shootings rund um die Welt für Unternehmen und Agenturen, wir bringen Ausstellungen an die Wand und wir erdenken und realisieren freie Projekte. Ergo: Wir bringen Bildsuchende und Bildschaffende auf vielen Ebenen zusammen – eben ein Büro für fotografische Zusammenarbeit!

Mike: Fotogloria sind zwei verquere Köpfe mit vielen Ideen und dem dauerhaften Willen, Dinge zu bewegen. Wir versuchen die täglichen fotografischen Wünsche unserer Kunden zu realisieren, nehmen uns aber auch die Freiheit eigene Projekte ins Leben zu rufen und das so unabhängig wie möglich von finanziellen Zwängen.
Ich glaube, dass uns diese Mischung stark macht und uns über diese 10 Jahre gebracht hat. Genau diese Mischung ist nämlich dann auch der Reiz an der täglichen Arbeit. In den letzten zwei Wochen habe ich Shootings unter anderen im Irak, in Indonesien, Südafrika, Uzbekistan, München und in Abu Dhabi organisiert. Und obwohl überall »nur« fotografiert wird, muss man sich bei jedem Projekt auf komplett andere Gegebenheiten einstellen – sei es aktuell wegen Corona, wegen der politischen Lage, der Entfernungen, der klimatischen Verhältnisse oder der Sicherheit. Ich finde es genauso reizvoll eine Kampagne in München zu organisieren wie auch ein Shooting im Irakischen Hinterland auf die Beine zu stellen.

YEAH – Fotogloria ist ein Förderer des Freundeskreis des Hauses der Photographie.

Warum passen all’ die – auf den ersten Blick verschiedenen – Bereiche zusammen?

Edda: Weil Fotografie erstmal eine universelle Sprache ist, die dann jeweils an den konkreten Kontext angepasst werden kann. Dabei steht für uns nicht im Vordergrund, ob wir den Geschäftsbericht eines Unternehmens fotografieren oder eine Ausstellung konzipieren – beides hat den gleichen Stellenwert. Wir agieren in der Umsetzung dann immer auf einer persönlichen und pragmatischen Ebene: Wie ist die Botschaft, was wird dafür gebraucht, wie kommen wir zum bestmöglichen Ergebnis für alle Seiten und mit wem können wir ebenjenes umsetzen.

Mike: Von Anfang an haben wir – zuerst zu dritt gemeinsam mit Jochen Raiß und seit drei Jahren  zu zweit – unsere Interessen und Stärken in einen Topf geworfen. Mit den Jahren ist daraus ein griffiges Konzept geworden.
Und so bekommen wir heute diese ganzen vermeintlich sehr unterschiedliche Bereiche unter einen Hut. Wir schaffen wir es, mit Industriekunden freie Projekte zu machen und anschließend besuchen sie dann eins unserer Seminare (die wir zusammen gelegentlich mit den Bildbeschaffern geben). Oder wir entdecken eine gute Strecke eines Fotografen, erwägen sie für eine Ausstellung oder schlagen sie einem Kunden für dessen Unternehmenskommunikation vor. Auch wenn Fotografen irgendwo in der Welt unterwegs sind, entstehen regelmäßig parallel zu deren Auftrag eine weitere Geschichte für einen zweiten Kunden, weil grad der Ort und der Zeitpunkt passt oder passend gemacht wurde.
Ich glaube viele Kunden schätzen genau diese Vielfalt und dieses andere Denken an uns – sie bekommen meistens doch einen etwas anderen Blick geliefert.

Die allerallererste Website von Fotogloria.

Und wie passen zwei Familien mit insgesamt 6 Kindern in das alltägliche Agenturgeschäft?

Mike: Von Anfang an waren unsere  Familien ein Teil des Konzeptes von Fotogloria. Das heißt konkret, dass in jedem Gedankengang und in jedem strukturellen Prozess, den wir angeschoben haben, immer die Familie mit eingeplant wurde.
Dass wir daheim bleiben wenn was privates anliegt – das ist bis heute selbstverständlich und wurde niemals hinterfragt. Das hat uns über die Jahre sicherlich viele Euros gekostet, die wir nicht verdienen konnten, aber ich will diese Art der Arbeit nicht missen. Unsere Kinder sind mit Fotogloria aufgewachsen, meine 10-Jährige Tochter kam schon mit wenigen Monaten mit ins Büro und lag dort auf Ihrer Decke. Seit Jahren kommen alle Kinder dann einmal im Jahr mit zum Fotofestival in Zingst und spielen zwischen Ausstellungen und Fotograf*innen am Strand und gehören einfach mit dazu. Daher war auch die Corona-Zeit mit Homeoffice und Homeschooling kein krasser Sprung ins kalte Wasser, da hatte ich beruflich schon deutlich schlimmere.

Mike und Carla: Ausstellung gucken beim Umweltfotofestival »horizonte zingst«. Vor etwa… 6 Jahren.

Edda: Wir fragen uns immer zuerst: Wie passt das Agenturgeschäft ins Familienleben? Entsprechend ist Fotogloria um unsere Familien herum gebaut – wir arbeiten etwa schon von Anfang an mit Cloud-Lösungen und haben unser Büro immer dabei. Ich arbeite seit vielen Jahren aus Effizienzgründen meistens im Homeoffice, Mike auch immer dann, wenn es nötig ist und unsere Kinder sind natürlich immer ein Teil des Tages. Das war am Anfang von Fotogloria für die Welt da draußen noch eher ungewöhnlich und weit entfernt von selbstverständlich – auch bei mir. Ich erinnere mich an eine Situation, wo ich ein hochfiebriges Kind auf dem Rücken hatte, während ich einen Job detailliert am Telefon besprechen musste – im Wiegeschritt hin- und herlaufend, hoffend, dass er nicht weint und so keiner mitbekommt, dass ich eigentlich gerade andere Sorgen habe… Das kam mir danach aber so absurd und dem Kind gegenüber (und ehrlicherweise mir auch) ungerecht vor, dass ich seither immer am Telefon sage, wenn ich gerade mit Kindern im Supermarkt stehe oder die Stimmen im Hintergrund meinen Kindern gehören, die heute zuhause sind. Mit der der Corona-Zeit – in der auf einmal alle ihre Kinder zuhause im Büro hatten – hoffe ich, dass sich in puncto Selbstverständlichkeit noch so einiges zum besseren wenden wird.

10 Jahre… Eine lange Zeit, die natürlicherweise Höhen und Tiefen mit sich bringt. Welche?

Mike: Anfänglich haben wir meines Erachtens unterschätzt wie lange man braucht um eine neue Firma beziehungsweise ein neues Konzept im Markt zu etablieren. Und das in einem Markt, der von Tag zu Tag schwieriger wird. Das war eine lange und harte Zeit, in der wir uns auch das eine oder andere Mal gefragt haben, ob es wirklich die richtige Entscheidung war. Zusätzlich haben uns Trennungen, Geburten und Krankheiten immer wieder zusätzlich zurückgeworfen beziehungsweise gebremst – vor allem in den Anfangsjahren mussten wir viel einstecken und auf viel verzichten. Aber das Ganze hat uns von unserem Weg nicht abgebracht, das spricht für unsere Ausdauer…
Höhepunkte gab es einige, manche scheinen banaler als andere, aber trotzdem bewegend. Also ein eigenes Bild als Doppelseite in einem großen Magazin zu sehen ist schon sehr abgefahren. Aber bei der Bank einen Kredit abbezahlt zu haben, ist tatsächlich auch ein tolles Gefühl. Und für mich ist ein Shooting an einem vermeintlich „schweren“ Ort umzusetzen, sei es Irak oder Amazonas, auch immer wieder was sehr befriedigendes.
Und die alltäglichen Höhepunkte sind immer wieder die Mails mit Ergebnisse von Shootings, da bin ich bis heute immer wieder aufgeregt. Ist ein bisschen zu vergleichen mit dem früheren Gang zum Fotoladen um den entwickelten Film abzuholen!

Erste eigene Doppelseite – Mike und das FIFA-Magazin!

Edda: Die tiefste Tiefe – Mike hat es schon gesagt – war auch für mich direkt in den ersten vier, fünf Jahren von Fotogloria – wir hatten einfach knallhart unterschätzt, wie lang die Anlaufphase sein würde und waren permanent kurz davor, den Laden wieder schließen zu müssen, das ist glücklicherweise schon länger überstanden. Und bis hierher haben wir die Corona-Zeit auch ganz gut bewältigen können – hoffen wir, dass es dabei bleibt…
Dazu kam noch mein ganz persönlicher Horrortrip: Buchhaltung, Finanzverwaltung und Administration einer GmbH. Von wirklich nichts eine Ahnung habend musste ich mich von jetzt auf gleich mit komplettem Neuland beschäftigen und zwar mit einem, bei dem es um alles geht. Das war hart. Aber nachdem ich Mehrwertsteuern falsch berechnet und korrigiert, mich mit der KSK auseinandergesetzt, Verträge und AGB verhandelt, KVA und Rechnungsläufe optimiert und jeden Cent auf unserem Konto persönlich kennengelernt habe: Es macht mir mittlerweile sogar (fast) Spaß. Und wirtschaftliches Verständnis schadet in unserem Business sicher nicht – ganz im Gegenteil…
Die Höhen sind es dann aber, die uns immer weiter und immer neu machen lassen: Es ist ein großartiges Gefühl, wenn ein eigenes und freies Projekt funktioniert – die »Superlative – Made in Germany« zum Beispiel oder… Bald erblickt ein neues Projekt das Licht der Welt, aber hier sei noch nicht allzu viel verraten. Oder wenn sich monatelange Arbeit gemeinsam mit dem tollen Zingster Foto-Team in Form von Ausstellungen beim Umweltfotofestival »horizonte zingst« manifestiert. Oder wenn ich einfach nur stundenlang mit Fotograf*innen über Fotografie und der jeweiligen Sicht auf die Dinge sprechen kann…

Über Fotos sprechen. In Zingst. Beim Fotofestival 2019. Bei der Ausstellungseröffnung von Jimmy Nelson.

Darüberhinaus pflastern viele besondere und skurrile Momente Euren Weg – welche?

Mike: Es gab einige komische Momente, besondere Shootings oder seltene Deals mit Kunden. Ich darf glücklicherweise immer wieder auf Shootings mit und somit war ich in den 10 Jahren in sehr vielen tollen und einzigartigen Locations. Hier mal meine 10 besonderen Fotogloria-Momente:

10. Bei Airbus in der Produktion zu fotografieren, einfach gigantisch
9. Fotos vom toten Gaddafi zu verkaufen, irgendwie gruselig und für uns damals auch grenzwertig.
8. Unter Hamburgs Straßen beim XFEL zu fotografieren, abgefahren.
7. Für DHL Freight eine Autobahn zu mieten war seltsam und selten.
6. Eine ganze Nacht im Miniaturwunderland in Hamburg, einfach mal wieder Kind sein
5. Für ein Shooting am Strand in Brasilien einen Bodyguard engagieren zu müssen, mehr als komisch
4. Im Kernkraftwerk Brokdorf fotografieren zu wollen und dann wegen eines technischen Defekts an der Anlage abbrechen zu müssen, ein unschönes Gefühl.
3. Im Operationssaal der Helios-Endo Klinik bei OPs zu fotografieren, gewöhnungsbedürftig.
2. In den Hallen vom CERN fotografieren zu dürfen, unvergesslich.
1. Das Studio der Tagesschau zu betreten, das war mit der abgefahrenste Termin der 10 Jahre.

(Alternativ: … dem Stadionsprecher vom BVB beim Shooting des Stadions während eines Spiels so auf die Pelle zu rücken, dass er ausrastet.)

Einmal Tagesschau-Sprecher sein!

Edda: Ich nehme nochmal den Ausstellungsfaden auf, denn darin gibt es jedes Mal zwei besondere Momente. Der erste: Um eine Ausstellung zu planen, zu konzeptionieren und letztlich zu kuratieren, steige ich immer sehr tief in die jeweilige Arbeit ein, lerne die Bilder kennen, spreche mit Fotograf*innen und setze mich mit ihnen auseinander. Um dann alles Gesehene und Gehörte so umzusetzen, dass es zugänglich für ein Publikum wird. Das kann Tage oder Wochen dauern. Aber irgendwann in dem Prozess gibt es immer den Moment des: „Jetzt hab‘ ich es“ – das ist der, wenn die fertige Ausstellung vor mir liegt und logisch ist. Diesen Moment schätz ich sehr. Ebenso den, wenn dann endlich das Publikum in Zingst die Ausstellung zu sehen bekommt und unmittelbar reagiert – das ist aufregend.
Meine besonderen Momente in den freien Projekten hingegen sind die, wenn ein als unmöglich erscheinender Termin doch klappt. Spätestens für das Superlative-Projekt bin ich losgezogen, um uns Einlass zu verschaffen und Fototermine zu organisieren: So habe ich den Frankfurter Flughafen überredet, uns die unterirdische Gepäcklogistik fotografieren zu lassen, habe sonstwas für Fäden gezogen – und das über zwei Jahre lang – damit wir in Schnöggersburg, der größten Übungsstadt Deutschlands der Bundeswehr fotografieren durften, ich habe sehr viele Argumente und Monate aufgewendet, um besagtes Shooting im KKW Brokdorf zu organisieren, habe den Fotografen mitten in der Nacht ins Casino Baden-Baden schicken dürfen, wir haben das einzige Foto vom  Vinci-Triebwerk für die Ariane-2-Mission im Höhensimulationsprüfstand beim DLR fotografiert und die Tagesschau hat für uns eine einzigartige Ausnahme gemacht und wir durften im Studio Bilder machen. Derer gibt es noch viele Beispiele und Geschichten – besonders ist jedes Mal für mich, wenn ich Menschen davon überzeugen kann, uns und unseren Bilder zu vertrauen.

Ist auch mal was so richtig schief gegangen?

Mike: Hier fallen mir zwei Shootings auf Anhieb ein. Wir hatten für ein Projekt mit DHL eine Autobahn gemietet, was naturgemäß nicht einfach und auch nicht billig war. Wir sollten LKW in Fahrt fotografieren. Die Wettervorhersage passte, also sind wir gut gelaunt früh morgens mit dem ganzen Team hingefahren. Vor Ort kam dann der Schreck, man sah vor lauter Nebel fast die eigene Hand nicht. Laut Wetter App standen wir in der prallen Sonne, leider war davon nichts zu sehen. Erst sechs Stunden später war der Nebel tatsächlich weg und wir schafften es zum Glück doch noch, tolle Motive zu machen. Aber hier war wirklich viel Geduld gefragt, vor allem seitens der Kundin – und die hatte sie zum Glück!
Das andere war für die FIFA. Da sollten wir einen Spieler vom AS Rom fotografieren. Solche Termine sind schwer zu bekommen, immer sehr kurz und alles muss in der Organisation stimmen. Der Termin stand, der Fotograf war gebrieft und der Verein hatte auch das Ok gegeben bei denen auf dem Gelände zu fotografieren. Nun war der 15-jährige Sohn vom Fotografen krank geworden und der Fotograf hatte keine bessere Idee als den Sohn dann einfach mal auf das Shooting mitzunehmen. An der Clubpforte wurde ihm aber natürlich gesagt, dass der Sohn krank nicht zu den Spielern darf. Er solle doch bitte die paar Minuten im Auto warten. Daraufhin hat der Fotograf eigenhändig entschieden nicht zu fotografieren und nach Hause zu fahren. Von dem Vorfall habe ich erst am nächsten Tag erfahren… mit dem Fotografen habe ich nie wieder gearbeitet und für die FIFA durften wir glücklicherweise weiter fotografieren.

Edda: Die Sache mit der Mehrwertsteuer… Unappetitlich. Konnte repariert werden, hat mir aber einige graue Haare mehr eingebracht…

„Edda, ich hab‘ da mal ne Autobahn gemietet…“

2010 – 2020 aus dem gesamtwirtschaftlichen Blickwinkel heraus wilde Zeiten – wie hat sich das Business verändert?

Edda: Die Branche ist extrem anfällig für alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und technischen Veränderungen. Jede Entwicklung da draußen bringt neues mit sich, alles schlägt sich auf alles. Und die Preise sind wirklich im steten Sinkflug… Im Laufe der Jahre haben wir entsprechend festgestellt, dass wir immer flexibel und nach Möglichkeit einen Schritt voraus sein müssen. Alles, was wir tun muss ständig überprüft werden, gute alte Gewohnheiten oder „das haben wir schon immer so gemacht“ haben keine Chance mehr und diese Entwicklung wird immer schneller. Wir jonglieren also ständig, werfen über Bord und denken immer neu. Das ist anstrengend, da unsere Existenz dadurch wirklich selten auf lange Sicht gesichert ist. Aber ehrlicherweise hat das alles immer den Hauch von Goldgräberstimmung und das ist schon auch reizvoll…

Mike: Ich bin mir nicht sicher, ob es viele andere Berufszweige gibt, die sich so schnell, rasant und stetig in den letzten Jahren geändert haben. Wer hätte vor 10-15 Jahren vorhergesagt, dass viele der großen Zeitungen und Magazine einfach dicht machen würden. Wer hätte gewagt zu sagen, dass man heute Bilder umsonst oder für einige Cent erwerben kann.
Und auf der anderen Seite, dass man quasi eine komplette Studioausrüstung im Handgepäck schleppen kann. Wir haben kürzlich den ersten Auftrag mit einem Handy umgesetzt, das Ergebnis war großartig, der Kunde zufrieden… Verrückte Welten. Auch wenn ein Auftrag mit dem Handy nicht die Regel ist und sicherlich auch nicht werden wird zeigt das wie radikal sich dieses Business in den letzten Jahren gewandelt hat. Es ändert sich wirklich stetig, leider meistens nicht zum Vorteil derer, die davon leben müssen, aber wir versuchen unsere Arbeit an die Marktsituation und die Anforderungen anzupassen. Und das – da schließe ich mich Edda an – fordert uns aber auch immer wieder aufs Neue heraus.

Nachdenken über neue Strategien.

Und wo steht Fotogloria 2030?

Edda: Gemessen an der Erfahrung der vergangenen 10 Jahre – siehe vorherige Frage – weiß ich nur eines sicher: Es wird sich viel ändern und unsere Aufgabe wird weiter sein, beweglich zu bleiben. Die nächsten 10, 20, 30 Jahre werden deshalb sicher reizvoll, denn mit den steten Veränderungen wird auch immer wieder ein neuer Rahmen für ungewöhnliche Ideen und neue Ansätze geschaffen. Ich bin ziemlich neugierig auf das, was kommen wird.

Mike: Wir werden dann am Meer in einer Hängematte liegen, mit einem kühlen Bier in der Hand und das Leben genießen… und die Fotogloria-Dollars zählen. Ne, im Ernst, ich hoffe, dass wir weiterhin in dem Bereich, den wir lieben, zusammen arbeiten dürfen. Dass wir dann mit eigenen Projekten, Ideen und toller Fotografie unser Lebensunterhalt weiterhin bestreiten dürfen und immer noch was bewegen können. Bei der Dynamik im Markt würde ich es nicht wagen zu sagen, wo das Business in 10 Jahren sein wird, aber Fotos werden wohl immer weiter gebraucht und wir haben uns in diesen letzten 10 Jahren als sehr anpassungsfähig gezeigt, also warum nicht weitere 10 Jahre erfolgreich arbeiten.

Bitte ein Schlusswort.

Mike: Ich fühle große Dankbarkeit, dass ich seit vielen Jahren in diesem Beruf arbeiten darf und von der Fotografie leben kann. Und ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Fotografen weiterhin tagtäglich Geschichten erzählen, für uns als Zeitzeugen in der Welt agieren, und den Moment dokumentieren. Ohne Fotografie wäre die Welt um ein ganzes Stück ärmer. Wir wüssten so viel weniger, wir könnten uns unsere Meinung sehr viel schwerer bilden. Ich sehe in der Fotografie eine so wichtige Rolle in der Zeitgeschichte und freue mich einfach täglich darüber, dass ich meinen ganz kleinen Beitrag dazu leiste.

Edda: In den tiefsten Tiefen meines Herzens glaube ich daran, dass Fotografie die Welt erklären und vielleicht auch manchmal retten kann – immer nur für einen kurzen, individuellen und ganz persönlichen Moment, aber der bewegt oft eine Menge.
Ja, stimmt, ich bin eine unverbesserliche Idealistin. Interessanterweise haben die vielen Jahre im Business diese Haltung aber nicht geschmälert, sondern im Gegenteil weiter geschärft und verstärkt. Idealismus ist ja schließlich keine stoische Haltung, sondern kann sich an Erfahrungen anpassen.
Fotografie jedenfalls ist ein unglaublich vielfältiges Medium, das so viel kann – ihr muss dafür aber auch auf mehreren Ebenen die richtige Bühne geschaffen werden. Das ists, was mich umtreibt, das ists, was ich immer wieder versuchen möchte und werde.
Ich bin froh und dankbar, dass wir bis hierher ganz großartige Auftraggeber, Wegbegleiter, Partner und Fotograf*innen gefunden haben, mit denen wir in diesem Sinne zusammen arbeiten. Dankbar bin ich für meine tolle Familie, die mir immer den Rücken stärkt und alles mitmacht. Und froh und dankbar bin ich auch, dass ich in Mike DEN Mitstreiter gefunden habe, mit dem ich mich blind verstehe, mit dem gemeinsam ich seit 10 Jahren (genau genommen bereits sein 16 Jahren) durch alle Fotogloria-Höhen und Tiefen gehen konnte und der mein idealistischer Bruder im Geiste ist.
Hoch die Tassen, jetzt wird gefeiert.

2010 – kaum (…) gealtert, seither.

P.S.: Das Titelbild hat Sebastian Vollmert gemacht. Alle anderen Bilder… Wir wahrscheinlich. Oder jemand anderes. Raphael Janzer war es einmal, Christoph Papsch ein anderes Mal, Anke Großklaß hat auch eines gemacht.

P.P.S.: Die Kontakte am Ende müssen natürlich sein – Fotogloria steht rund um die Uhr für alle Fragen rund um die Fotografie zur Verfügung – funken Sie uns gerne auf allen Kanälen an:

Mike Gamio
0176 24 55 84 40
mike.gamio@fotogloria.de

Edda Fahrenhorst
0162 427 01 67
edda.fahrenhorst@fotogloria.de

oder
info@fotogloria.de

#FacesOfPhotography – Teil 103: Christian O. Bruch aus Hamburg

Christian O. Bruch hat nach vielen Wochen das erste Vorstandshooting unter Corona-Maßnahmen bewältigt – in einem Badezimmer. Ansonsten läuft der Job bei ihm langsam wieder an. Die Zeit bis hierher hat er für freie Arbeiten genutzt und dafür, seine Lehrtätigkeit an der Fachhochschule Hannover auf digitale Beine zu stellen. Darüber, über eine Veränderung in der Fotografie und was ihm ebendiese bedeutet, darüber hat er mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Christian, wie geht es Dir dieser Tage?
Danke, eigentlich ganz gut. In meinem persönlichem Umfeld sind, zum Glück alle gesund.
Arbeitsmäßig sind aber alle in irgendeiner Weise von den Maßnahmen betroffen. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber im Großen und Ganzen kann ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen: Noch mit einem blauen Auge davon gekommen.

Sonntagmorgen, Hamburger Fischmarkt. Es ist der 19. April 2020 und der Markt wurde auf unbestimmt abgesagt. Normalerweise wäre an diesem Sonntag alles voll mit Ständen und Buden.

Was hast Du fotografisch in den letzten Wochen und Monaten erlebt?
Jobmäßig war natürlich auch bei mir ab dem 16. März absoluter Stillstand. Und alle Jobs und Termine wurden erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben.
Zu Anfang dachte der Großteil ja noch, dass es spätestens im Juni mit dem gewohnten Arbeiten wieder losgeht. Ich hatte in den ersten Tagen tatsächlich auch noch einige einzelne Aufträge für Magazine, die aber im direkten Kontext zu dem Lockdown standen.
Erst ab Mitte Juni gab es dann den ersten richtigen Job, bei dem es um Portraits ging. Das war natürlich auch eine gewisse Herausforderung – einmal für mich als Fotografen, aber auch für den Kunden. Im Vorfeld haben wir natürlich viel darüber kommuniziert, wie man einen solchen Termin abwickelt, um einen reibungslosen und sicheren Ablauf zu gewährleisten und dabei auch ein Ergebnis zu bekommen, auf dem man nicht auf dem ersten Blick sieht, dass es unter Corona-Sicherheits-Regeln entstanden ist.
Auf alle Fälle merke ich seit einigen Wochen, dass die Kunden sich vermehrt melden und es auch wieder Anfragen gibt – offenbar ist so einiges in den letzten Monaten angefallen, was neu fotografiert werden muss. Ich habe die Zeit aber auch genutzt, um mich in Sachen Software und Post-Produktion weiterzubilden.
Da ich außerdem noch einen Lehrauftrag an der Hochschule in Hannover habe und es dort am 13. März während eines Seminars zur Einstellung des Hochschulbetriebes kam – da es fast minütlich neue Information zur Endwicklung der Pandemie und dem damit verbundenem Umgang an öffentlichen Einrichtungen gab – wurde auch diese Tätigkeit erst einmal in der gewohnten Weise beendet, was natürlich zu einem Umdenken und Verlassen der gewohnten Arbeitsweise geführt hat.
Da ich fast nur praktischen Unterricht abhalte – mit dem vorhandenem Licht-Equipment der Hochschule – musste ich mich erstmal damit auseinander setzten, wie ich nun lehren kann, wenn man sich nicht an der Hochschule trifft sondern ausschließlich online. Ich musste überlegen, wie man diese Inhalte den Studenten via Online-Vorlesung näher bringen kann, ohne dass das den Eindruck eines YouTube Videos hinterlässt.
Auch das war ein Sprung ins kalte Wasser. Da dieser Zustand leider auch für das kommende Semester gilt, bleibt es spannend.

Der Hamburger Flughafen, am 8. April 2020 während des Lockdowns – der Flugverkehr wurde extrem stark eingeschränkt, nur eine Handvoll Flugzeuge startete und landete täglich.

Woran arbeitest Du aktuell – frei und als Job?
In der Vergangenheit war es so, dass sich ein Ereignis, eine Katastrophe oder eine Krise in der Regel auf ein bestimmtes Gebiet, auf einen Ort begrenzt hat – ich denke an den 11. September oder an den Fall der Berliner Mauer, zu dem ich damals nicht gefahren bin, da ich einfach kein Geld hatte um von Hamburg nach Berlin zu fahren. Eine billige Ausrede, für die ich mir heute noch in den Arsch treten könnte. Damals jedenfalls habe ich mir geschworen: Das passiert mir nicht noch mal.
Doch Corona ist eine globale Katastrophe, von der alle betroffen sind, sie passiert jedem von uns zuhause!
Daher habe ich mich gleich nach dem Lockdown gefragt: Wie kann man etwas zeigen, was man eigentlich nicht sieht? Ganz einfach: Man zeigt die Abwesenheit des Individuums.
So kam ich darauf, bestimmte Plätze in Hamburg zu fotografieren, zu Uhrzeiten oder an Tagen, an denen diese Orte eigentlich überfüllt wären.
Auf den ersten Blick wirken sie eigentlich ganz normal, aber beim zweiten Hinschauen merkt man, dass etwas nicht stimmt. Oder, wenn man weiß an welchem Tag dieses Bild entstand und was ohne Corona, dann an diesem Ort, zu dieser Zeit los wäre.
So zum Beispiel das Foto des komplett leeren Hamburger Flughafen Terminal 1, der unter der Woche um neun Uhr morgens rappelvoll ist.
Oder das Bild am Baumwall am Hamburger Hafen – sieht aus wie ein ganz normaler Sommerabend, aber an diesem Tag wäre eigentlich der 831. Hafengeburtstag und damit wären dann dort so um die 1,2 Millionen Menschen unterwegs gewesen… So sind aber gerade mal 20-30 Leute auf der Promenade zu sehen.
Die Frage ist auch: Was bleibt übrig? Was wird man in 200 Jahren über diese Zeit schreiben, überhaupt noch wissen? Was bleibt übrig von all den Berichten, Texten, Bildern, die in den letzten Wochen, Monaten entstanden sind. Ich hoffe nicht, dass es die Bilder von achtlos weggeworfenen Mund-Nasenschutzen im Rinnstein sind – die kann ich nicht mehr sehen.
Auf alle Fälle wird es die am besten dokumentierte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit sein. Wirklich jeder Mensch auf der Erde, von Grönland bis Neuseeland, von Bottrop bis nach Murmansk hat seinen Alltag unter Corona auf den sozialen Medien gepostet.
Eigentlich hatte ich mir Ende letzten Jahres für 2020 zwei Projekte vorgenommen, die ich realisieren wollte. Beide wären mit etwas reisen verbunden gewesen. Bereits Mitte März konnte ich absehen, dass sich das so nicht umsetzen lässt, sowohl finanziell als auch logistisch nicht. Also habe ich diese Projekte erst mal auf Eis gelegt. Wobei ich eines davon in abgeschwächter Form trotzdem angefangen habe und ich auch, wann immer es möglich ist, daran arbeite. Es ist nichts großes, eher eine Herzensangelegenheit, die schon lange in mir schlummert und nun endlich umgesetzt werden möchte.
Ich hoffe aber dass ich sie im nächsten Jahr beenden kann.
Und wie schon gesagt, so langsam kommen, auch seit einigen Wochen wieder die ersten Anfragen rein. Da geht es erstmals um Portraits. Da in den letzten Monaten aufgrund des Lockdowns natürlich auch auf Kundenseite, so einiges liegen geblieben ist, was nun gerne  nachgeholt werden möchte.

Die Reeperbahn auf St. Pauli am 21. März 2020, während des Ausgehverbots und nach der Schließung von Bars, Clubs und Restaurants. Die Herbertstraße auf St. Pauli ist geschlossen, normalerweise sitzen Prostituierte in den Fenstern und Männer gehen durch die Strasse.

Was denkst Du, wie wird sich die Krise im weiteren Verlauf auf die Fotografie – inhaltlich, stilistisch, wirtschaftlich – auswirken?
Wirtschaftlich ist dieser Zustand ein absoluter Alptraum. Ich kann mich noch sehr genau an die Finanzkrise 2008, nach der Lehman-Brothers Pleite erinnern. Das war schon ein herber Einschnitt, der uns ja etwas zeitverzögert erreicht hat. Und damals war es nur eine Bank, die Pleite ging – jetzt ist es eine globale Krise, deren Ende wir leider noch gar nicht absehen können.
Wie nach jeder Krise gibt es auch jetzt viele Kollegen, die sich genau überlegen ob sie so weiter machen können und auch wollen. Gerade für junge Kollegen, die sich in der Zeit vor Corona dazu entschlossen haben den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und die ersten Kunden für sich gewinnen konnten, ist diese Zeit ein herber Rückschlag. Aber auch auf Kundenseite wird es einige Fragen nach der Notwendigkeit von Fotoproduktionen und dem Umgang mit Fotografen geben. Auf alle Fälle ist es auf beiden Seiten ein Herantasten im richtigen Umgang in solch einer Situation.
Direkt nach der ersten Anfrage habe ich eine Auflistung erstellt, wie wir während einer Fotoproduktion die Sicherheitsstandards für das Fototeam einhalten, da sind so einige Punkte zusammen gekommen. Diese Auflistung fügen wir nun jedem Kostenvoranschlag bei, damit die Kunden auch sehen, dass ich / wir das Thema Corona sehr ernst nehmen.
Stilistisch hat sich das Virus auch schon auf die Fotografie ausgewirkt: Vor einigen Tagen durfte ich den Vorstand eines großen Unternehmens portraitieren, das Badezimmer-Armaturen herstellt. Normalerweise stehen bei solchen Fotos die Damen und Herren immer recht nah beieinander, um eine Form der Einigkeit, des Zusammenhaltes zu demonstrieren. Doch jetzt haben wir sie in einem Badezimmer in ihrem Showroom etwas auseinander gestellt, ein jeder für sich mit 1,5m Abstand, zum Kollegen. Und es funktioniert. Wenn man sich das Foto anschaut, würde man nie auf die Idee kommen, dass es unter Berücksichtigung der Coronamaßnahmen erstellt wurde. Aber ich kann ja jetzt nicht all meine Kunden dazu zwingen ihre nächsten Portraits im Badezimmer zu fotografieren… Man muss sich halt genau überlegen, wie man zu einem guten Ergebnis kommt. Um sich und sein Gegenüber nicht irgendwelchen Risiken auszusetzen.

Blick auf die Elbpromenade am Baumwall am 8. Mai 2020. An diesem Tag wäre der 831. Hamburger Hafengeburtstag gefeiert worden – er wurde Anfang März abgesagt.

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Alles!! Nachdem ich als 16-jähriger den ersten Kontakt mit einer Kamera hatte, stand für mich recht schnell fest: Dass isses!!
Eine Fotografie ist für jeden Menschen sofort „lesbar“. Die darauf abgebildete Information, versteht jeder: Mann, Frau, alt, jung, gebildet oder ungebildet, unabhängig der kulturellen Identität, das ist völlig egal. Sie löst eine Emotion aus, die Barrieren überwindet.
Nicht umsonst hat der Astronaut Charles Duke – Mitglied der Apollo 16 Mission – ein Foto seiner Familie auf dem Mond zurückgelassen, sozusagen, als kleiner extraterrestrischen Willkommensgruß, für wenn auch immer.
Ich bin unendlich dankbar dass ich diese Möglichkeit habe, an Orte und Plätze zu kommen die mir ansonsten verschlossen wären oder mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ich sonst nie getroffen hätte. Und ich bin dankbar dafür, dass mir meine Kunden dahingehend vertrauen und mir diese Möglichkeiten geben. Von daher: Ja, Fotografie ist für mich die Möglichkeit meine Umwelt besser kennen zu lernen und auch die Welt zu erkunden und auch mich selbst besser kennen zu lernen.
Auch sind Fotografien, Bilder oder auch Gemälde, Dokumente und Bewahrer längst vergangener Epochen. Wann immer ich es kann, gehe ich in Städten, in denen ich gerade bin, in Museen und schaue mir die Foto- oder die Gemälde-Sammlung an. Denn, egal wie alt diese Werke sind, sie sind immer das Abbild einer Kultur die vergangen und uns heute fremd ist.

Das Autokino auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg St. Pauli am 12. Juni 2020. Es läuft der Film „Joker!“ Eigentlich sollte an diesem Tag das Eröffnungsspiel der Fußball Europameisterschaft 2020 stattfinden und auf diesem Platz live auf großen Leinwänden übertragen werden. Die EM wurde verschoben, nun wird der Platz als Autokino genutzt.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die kommenden Monate und Jahre?
Das die Kunden weiterhin Vertrauen in uns Fotografen haben.
Das sie nicht anfangen, durch Angst getrieben, ihre Mitarbeiter mit Smartphones bestückt und mit den Worten im Ohr: »Halt mal drauf, irgendetwas wird schon dabei sein…..ach, es ist ja nur fürs Intranet!« durch die Unternehmen zu scheuchen!
Dass man sich für gute Fotografie wieder mehr Zeit nimmt und diese dem Fotografen auch zugesteht.
Die Termine, die ich in den Wochen unter Corona wahrgenommen habe, gingen schon in diese Richtung und das hat sich recht positiv auf die Ergebnisse ausgewirkt. Ich kann nur hoffen, dass dieser Trend anhält und nicht gleich wieder verschwindet, da man sieht, dass es ja auch geht.

Aber um es mal mit den Worten von F. Scott Fitzgerald zu sagen;
„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom –
Und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenem zu.“

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#FacesOfPhotography – Teil 102: Tabea Borchardt aus Essen

Tabea Borchardt ist vielleicht keine Fotografin im klassischen Sinne, dennoch arbeitet sie intensiv mit dem Medium und setzt die Fotografie maßgeblich in Ihren Werken ein. Darüber und woran sie derzeit arbeitet, darüber hat sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Welchen Stellenwert hat die Fotografie in Deiner Arbeit?
Die Fotografie – oder vielleicht in meiner Sprache gesprochen – dass visuell-haptische der Fotografie, spielt eine große Rolle in meinen installativen Arbeiten, den Objekten und natürlich erkennbarer, wenn ich mit »klassischen« fotografischen Bildern agiere. Die Materialien der Fotografie, Trägermaterialien, technische sowie mechanische Apparaturen, verwandte Verfahren wie die Fotokopie, Abdruckverfahren wie Siebdruck und weitere, fließen häufig mit ein. Auch wenn das Resultat meiner künstlerischen Arbeiten seltener klassische Abbilder sind, ist die Fotografie wichtiger Bestandteil eines vielschichtigen Prozesses. Neben ständiger Dokumentation und fotografischen Experimenten im Arbeitsprozess selbst, ist die Reflexion über das Sehen mir erst durch die intensive Beschäftigung mit der Fotografie ermöglicht worden.
Zwischenschritt und Skizze beschäftigen mich insbesondere fotografisch. So habe ich in diesem besonderen Jahr sehr viele Bilder im Atelier erstellt. Die viele gewonnene Atelierzeit durch das Wegfallen anderer Veranstaltungen, war also ein Boost für die Sammlung aus Atelierfotografien, die in eine fotografische Arbeit münden werden.

»Innerhalb des Gefüges (With the Grain)«

Du hast jüngst Deinen Abschluss an der Folkwang Universität der Künste in Essen gemacht – wie ist Dein Blick auf die Fotografie allgemein?
Fotografie ist für mich ein Werkzeug, doch streng genommen bin ich kein Teil der Fotografie als Branche.
Während ich an der Folkwang UdK Fotografie studiert habe, wurde ich im Verlauf meines Studiums mit dem Satz konfrontiert »Du bist gar keine Fotografin«. Erst verwirrte mich diese Aussage, dann wurde mir klar, dass ich mich vielleicht einfach selbst nicht als klassische Fotografin positionieren sollte, oder wahrgenommen werden muss, um dennoch mit der Fotografie arbeiten zu können. Somit nenne ich mich seltener Fotografin, sondern überwiegend agiere ich als freischaffende Künstlerin. In meinem zweiten Arbeitsfeld der Kunstpädagogik, arbeite ich häufig mit den Mitteln der Fotografie, dem Verständnis von Sehen und Wahrnehmung oder selbst konstruierten Lichtbildwerfern. Die Verschränkung mit dem Bewegtbild, und die Vielfalt der Möglichkeiten, reizen mich an der Fotografie als (Ausgangs)-Medium.
Das sehr beschleunigte Arbeiten mit vergänglichen Bildern, wie sie für Kampagnen, Werbung etc. überwiegend erstellt werden, ist weniger mein Metier. Zusammengefasst mag ich »haltbare Bilder«.

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Ohne die Fotografie so intensiv kenngelernt zu haben – wie es beispielsweise im Studium passiert ist – würden meine Bilder, und auch meine Arbeiten, mit Sicherheit ganz andere sein. Auch meine Sicht auf mediale Berichterstattung wäre vermutlich naiver, Werbung hätte mehr Einfluss auf mich. Fotografie halte ich für sehr wirkmächtig – daher erachte ich es auch als wichtig, sich intensiv mit dieser Wirkmacht auseinander zu setzen. Mir persönlich hat dies denke ich viel mitgegeben, was sich weit über das freie und angewandte Arbeiten hinaus bemerkbar macht. Möchte die Fotografie (und die Gedanken hinter den Bildern) also nicht mehr missen und weiter die Auseinandersetzung damit suchen.

»Von der Möglichkeit sich mit etwas abzufinden«

Woran arbeitest Du aktuell – frei und als Job?
Eine Ausstellung die corona-bedingt verschoben worden ist, eröffnet nun Ende Oktober (neuland Bochum). Dafür bereite ich neue Arbeiten vor, und bin viel im Atelier. Eine weitere Ausstellung im Kunstverein Kunst.werden in Essen, konnte glücklicherweise letzten Sonntag eröffnen. Dort stelle ich zum zweiten Mal mit Vesko Gösel aus, der ebenfalls viel mit dem Fotografischen agiert. Bewegtbild und Filmschnitt werden nun mehr in mein Repertoire einbezogen. Eine aktuell besonders schöne Auftragsarbeit, befasst sich mit dem Nachlass eines Musterentwurfszeichners aus einer Tischdeckenmanufaktur zwischen den Weltkriegen. Reproduktionen können nicht langweilig werden, wenn man hunderte spannende Originale festhalten darf.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die kommenden Monate und Jahre?

Die (Buch)-Projekte umzusetzen die mir vorschweben. Hoffentlich bald in ein größeres Atelier umziehen zu können, spannende Kooperationsprojekte (auch über fotografische Genres hinaus) anzustoßen und zu realisieren. Ganz dringend wieder mehr über Fotografie und visuelle Wahrnehmung zu schreiben! Super wäre dann noch ein vollautomatisches Archivsystem…

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Das Foto von Tabea hat Vesko Gösel gemacht und zwar im Museum für Fotokopie, wo gerade die Edition für die aktuelle Ausstellung erstellt wird, die die beiden aktuell in dem Kunstverein kunst.werden zeigen.

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#FacesOfPhotography – Teil 101: wemake aus Stuttgart und Köln

wemake das sind die beiden Brüder Cornelius und Matthias Bierer. Aus Fotografie und Musik kommend machen sie heute zusammen Filme. Während des Lockdowns entstand das Stück »Tanzverbot«, in dem Sie die Endzeitatmosphäre dieser Zeiten verarbeiten. Was sie außerdem erlebt haben, dazu haben sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Matthias und Cornelius, was ist Euer Schwerpunkt?
Wir sind zwei Filmemacher: wir entwickeln Film-Konzepte, planen die Produktion, drehen, schneiden, machen die Postproduction, produzieren Sound und Musik, wir machen im Prinzip alles. Kampagnen, einzelne Filme, Werbespots, Dokumentarisches, Imagefilme, Kunst… Schön ist immer ein spannendes Thema, das wichtigste ist aber das Potential, etwas spannendes und interessantes daraus machen zu können. Deshalb suchen wir die Herausforderung durch unterschiedliche Herangehensweisen und nehmen uns die Zeit, auch Sachen auszuprobieren.
Wir sind immer daran interessiert die Inhalte und das Ziel des Film auf eine spannende und vor allem passende Art an den Zuschauer zu bringen. Da dies oft auf ganz unterschiedlichem Weg passieren muss, wird uns nicht langweilig.

Film, Fotografie, Musik – wie seid Ihr dahin gekommen, wo Ihr jetzt seid?

Unsere Schwerpunkte überschneiden sich im Bereich Film. Der eine gibt sich zusätzlich der Fotografie hin, der andere der Musik. Das können wir regelmäßig in die Filmprojekte integrieren. Zufällig angefangen haben wir vor einigen Jahren während des Studiums. Eine Sequenz aus Zeitrafferaufnahmen (ein Nebenprodukt der Fotografie) musste mit Musik unterlegt werden, die man bedenkenlos nutzen konnte. Das war unser erstes gemeinsames Projekt, mit dem wir auch direkt etwas Geld verdienen konnten. Der eine hat die Filmaufnahmen gemacht, der andere die Musik produziert. Geschnitten haben wir gemeinsam. Dass wir dort hingekommen sind, wo wir uns jetzt befinden, ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass wir schon immer alles dafür getan haben, Projekte so umzusetzen, wie wir diese als passend und sinnvoll für das Thema erachtet haben. Zu Anfang sicher nicht der einfachste Weg, da so oft auch Projekte nicht zustande kamen – langfristig aber genau der richtige, da wir nun für genau diese Arbeitsweise angefragt werden.

Was habt Ihr beruflich in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt?
Nicht viel. Drehs wurden kurzfristig abgesagt, Projekte auf unbestimmt (oder nächstes Jahr) verschoben, einiges konnten wir geballt nachholen, manches wurde auch komplett gecancelt.
Natürlich ist hier immer etwas Ungewissheit mit im Spiel, laufende Kosten muss man auch ohne Einkommen decken, da wir diese Ungewissheit allerdings noch aus der Anfangszeit unserer Selbständigkeit kennen, waren wir zu Anfang wenigstens noch relativ entspannt. Diese Entspannung ist dann allerdings recht schnell verschwunden, allerdings nicht wegen Existenzsorgen, sondern aufgrund von Langeweile und dem Fehlen einer sinnvollen Aufgabe.

Ihr habt die „Zwangspause“ für ein freies Projekt genutzt – wie ist die Idee dazu entstanden, wie habt Ihr ihn umgesetzt und warum Tanz, wo Ihr doch eigentlich in ganz anderen Feldern unterwegs seid?
Wie viele andere Kreative wollten wir diesen neuartigen Zustand in dem sich mehr oder weniger die ganze Welt befindet, kreativ verarbeiten. Die Endzeitatmosphäre ausgestorbener Großstädte hat uns dabei sehr fasziniert, ein Drohnenvideo ohne Aussage – wie man diese zu Anfang des Lockdowns zuhauf sehen konnte – wollten wir allerdings nicht machen. Irgendwas musste auf diesen leeren Straßen passieren, am besten mit Bezug auf die Kreativbranche, die vom Lockdown erstmal sehr hart getroffen war. No-Budget-Projekte eignen sich noch mehr als bezahlte Projekte, neue Sachen auszuprobieren, Tanz schien uns ein passender Weg, dieses Thema aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Parallel zur Konzeption lief die Suche eines Tänzers, den wir über Instagram erreicht haben, und der sofort von der Idee begeistert war. Am nächsten Tag haben wir uns getroffen, tagsüber die Locations angeschaut und abends/nachts und früh morgens gedreht. Da wir aufgrund des Titels unseres Films eine sehr genaue Deadline hatten (Montag vor Ostern hatten wir die Idee, Karfreitag musste der Film fertig sein), haben wir direkt im Anschluss geschnitten und die Musik fertig gemacht. Das war alles sehr spontan und hätte irgendwo schief gehen können, dann hätte das Ergebnis nie jemand gesehen. Das Gegenteil ist allerdings passiert, wir hatten sehr gutes Timing und auch etwas Glück (z.B. mit dem Polizeiauto und dem Graffiti an der U-Bahnwand, das eine Woche später entfernt wurde).


Wie schätzt Ihr die zukünftige Lage insgesamt für die Branche ein?

Da die einzelnen Tätigkeiten innerhalb der Branche sehr unterschiedlich sind, lässt sich dazu von unserer Seite kaum eine Aussage treffen. Viele hat es sicherlich hart getroffen, einige berufliche Existenzen sind aktuell mit Sicherheit gefährdet. Wir würden schon sagen, dass sich auch noch einiges verändern wird, aber Veränderung ist grundsätzlich nicht immer schlecht. Wir sind davon überzeugt, dass auch in Zukunft Geschichten in Form von Film erzählt werden müssen. Dafür ist eigentlich jetzt ein sehr guter Zeitpunkt.

Was ist Euer persönlicher beruflicher Wunsch für die Zeit die da kommen mag?
Wir können diesem Break durchaus etwas Positives abgewinnen. Die Zwangspause hat mit Sicherheit auch dafür gesorgt, dass Dinge hinterfragt und in Zukunft anders angegangen werden.
Anfragen die mit den Worten “wir benötigen einen Film” losgehen, aber nicht drinsteht, warum und mit welchem Ziel, haben wir in letzter Zeit kaum erhalten. Die Firmen, die hauptsächlich einen Film machen lassen wollen, weil das quasi dazugehört und der Konkurrent ja auch einen hat, sind vermeintlich die, die diesen Punkt aufgrund von Einsparungen grade als erstes von der Liste gestrichen haben. Wir würden uns wünschen, dass Kunden noch ein kleines bisschen mutiger werden, was die passende Umsetzung betrifft. Dann macht es allen noch mehr Spaß, dem Kunden, uns und am Ende auch dem Zuschauer.

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#FacesOfPhotography – Teil 100: Nanna Heitmann aus Moskau

Als der russiche Lockdown begann, hat Nanna Heitmann zuhause eine intime, surreal-fotografische Welt erschaffen. Etwas später dann hat sie Zugang zu einem der Moskauer Krankenhäuser bekommen, um dort die Auswirkungen der Pandemie zu dokumentieren. Was sie dort gesehen und erlebt hat und welche Rolle sie der Fotografie im Allgemeinen zuschreibt, darüber hat sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Nanna, wie geht es Dir?
Ganz gut, es ist doch noch einmal etwas Wärme und Sonne bis nach Moskau durchgekommen!

Was hast Du fotografisch in den letzten Wochen und Monaten erlebt und erarbeitet?
Die letzten Monate waren für mich emotional und fotografisch sehr intensiv. Seltsamerweise hat mich der Lockdown unglaublich beflügelt, Neues zu probieren – ich habe wahrscheinlich so viel fotografiert wie seit langem nicht mehr.
Der mehrmonatige Lockdown in Moskau erinnerte mich teilweise an das Buch 1984 von George Orwell. Während des Lockdowns durfte man ohne speziellen QR-Code nur zum nächst gelegenen Supermarkt oder zur Apotheke. Alles wurde streng kontrolliert. Das Taxi konnte nicht losfahren ohne gültigen Code, die Metro Tür hätte sich nicht geöffnet. Daher habe ich zunächst zuhause fotografiert, beziehungsweise versucht, mit meinem Freund Andrey– der Clown und Puppenspieler ist – eine kleine surreale Welt zuhause und auf dem Dach unseres Wohnblocks zu schaffen. Es war wie eine kleine Flucht, aus dieser seltsamen, bedrückenden Zeit.

Später zog es mich auf die Straße, Journalisten durften zum Glück arbeiten. Mich haben schon immer die Foto Archive der spanischen Grippe fasziniert und mit etwas Glück habe ich einen sehr guten Zugang zu einem Krankenhaus in Moskau bekommen, wo ich mich frei bewegen durfte und fotografieren konnte, so lange wie ich wollte- beziehungsweise so lange, wie ich es ausgehalten habe… Ich habe zuvor nie „Krisen“ fotografiert und selten das Leid anderer. Den ersten Tag im Krankenhaus war ich wie gelähmt und habe die Kamera fast nicht hochbekommen. Bis auf zwei Krankenhäuser von insgesamt 60 in Moskau wurden alle auf Covid umgestellt. Man betritt Krankenhaus-Gelände, wo über 1.000 Patienten mit der selben Krankheit liegen. Eine Krankheit, die bis vor kurzem nicht existiert hatte. Es waren Bilder von toten Patienten oder schwer erkrankten jungen Menschen und selbst Kindern. Und von Ärzten am Ende ihrer Kräfte, die mehr als 24 Stunden ohne Pause, oft selbst mit Fieber und Husten, arbeiten, die sich sehr bei mir eingeprägt haben. Im Krankenhaus arbeiten auch mehrere Militärärzte. Sie meinten, das letzte Mal hätten sie so einen Zustrom an todkranken Patienten im Tschetschenien-Krieg gesehen. Sie scherzten oft: »zumindest weniger Blut und nicht im Zelt.« Umso mehr erschreckt mich die Ignoranz von vielen Menschen. Niemand trägt mehr Maske.

Was bedeutet aus Deiner Sicht die Pandemie für die Fotografie (stilistisch, inhaltlich, wirtschaftlich)?
Meiner Meinung nach sind sehr viele interessante und historisch wertvolle Geschichten entstanden. Eine der bedrückendsten Reportagen hat für mich Tyles Hicks entlang des Amazonas fotografiert.
Der europäische, redaktionelle Markt scheint aber nun nur noch schneller zu schrumpfen, da viele Werbanzeigen verloren gegangen sind und so Magazine und Zeitungen vor noch größere existenzielle Probleme stellt. Die wirtschaftlichen Auswirkungen bekommen wir wahrscheinlich erst in den nächsten Monaten so richtig zu spüren.

Was bedeutet für Dich persönlich die Fotografie – auch in diesen Zeiten?
Diese Zeit hat mir wieder gezeigt, welch wichtiges historisches Dokument die Fotografie ist. Und wie wichtig sie ist, um unser Umfeld und die Zeit in der wir leben besser zu verstehen und zu hinterfragen.



Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zeiten, die kommen?

Ich würde gerne wieder Themen, Orte und Menschen fotografieren können, ohne Covid-Bezug und ohne Angst haben zu müssen, ihnen die Pest aus Moskau mitzubringen…

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Das Foto von Nanna hat übrigens Dmitrii Selianin gemacht.

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#FacesOfPhotography – Teil 99: Pablo Piovano aus Buenos Aires

Zu Beginn des argentinischen Lockdowns hat Pablo Piovano in den ärmsten Viertel von Buenos Aires fotografiert, bis er dann beschloss, sich um seinen Vater zu kümmern. In der Isolation hat er ein Fotografenkollektiv gegründet, seine Website gebaut und einen Dokumentarfilm beendet. Darüber und was ihm die Fotografie bedeutet hat er mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Pablo, Wie geht es Dir?
In Buenos Aires sind wir seit mehr als 150 Tagen im Lockdown – eine Situation, die ich nicht ganz verstehe: Manchmal finde ich sie faszinierend und manchmal unerträglich.
Darüber hinaus hat diese Krise jetzt schon unsere allgemeinen Beziehungen und vor allem die Beziehung zu uns selbst stark beeinflusst.

Was hast Du fotografisch seit Beginn der Krise erlebt?
Als die Pandemie begann und die Grenzen kurz vor der Schließung waren, habe ich in Chile gearbeitet, um die sozialen Aufstände zu dokumentieren. Als ich in Buenos Aires ankam, waren die ärmsten Viertel die ersten, die von der Pandemie betroffen waren – ich habe fast zwei Wochen dort gearbeitet, bis ich dann beschloss, die Gefahrenzone zu verlassen, um meinen Vater begleiten und ihm helfen zu können. Dann begann ich, meinen Vaters zu porträtieren – wir sind beide Fotografen, er fotografierte meine Kindheit und ich fotografiere ihn jetzt im Alter. Das ist für mich sehr folgerichtig.
Mitten in all dem entstand außerdem ein lateinamerikanisches Kollektiv namens Covidlatam, in dem neun Fotografinnen und neun Fotografen aus elf Ländern zusammen arbeiten. Mit diesem Kollektiv gibt es einen ständigen Austausch, Ideen und Projekte, die die Tage der Isolation begleiten.
Persönlich war ich außerdem endlich in der Lage, nach 20 Jahren Arbeit meine Webseite zu erstellen und meinen Film fertigzustellen: Eine kurze Dokumentation über das Volk der Mapuche.

Wie siehst Du die Aufgabe der Fotografie im Zusammenhang mit der Pandemie?
Zweifellos ist die Fotografie aktuell ein wichtiges Dokument einer Zeit, in der die innere und die äußere Kraft ein ungewöhnliches Gleichgewicht erreichen. Langsam haben wir diese neuen Mechanismen, die am Anfang fremd und unwirklich schienen, verinnerlicht. Aber ich glaube, dass wir Fotografen, Filmer und Künstler vor einer großen Herausforderung stehen.

Wird sich die Fotografie verändern?
Ich glaube nicht. Aber ich glaube die Weltwirtschaft wird uns Fotografen danach noch mehr schaden, als sie es schon tat.

Was bedeutet Dir persönlich die Fotografie?
Mein Arbeitsschwerpunkt sind als Dokumentarfotograf hauptsächlich Menschenrechts- und Umweltfragen – für mich ist die Fotografie eine perfekte Synthese, weil sie mir erlaubt, den Ereignissen nahe zu sein, die ich für wichtig halte.
Einerseits bin ich davon überzeugt, dass die Kamera ein Werkzeug ist, das ein Machtinstrument sein kann, wenn es mit anderen Disziplinen in Einklang gebracht wird. Ich glaube, dass sie in der Lage ist, eine echte Transformation zum Wohle der Gesellschaft voranzutreiben. Andererseits ist die Fotografie aber auch eine Verbindung zum Heiligen, zur Schöpfung und Inspiration. Sie erlaubt mir also, mit dem Himmel, aber auch mit dem irdischen Kampf zu sprechen.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Ich würde mich freuen, wenn die Projekte, die durch die Pandemie unterbrochen wurden, weiter laufen könnten.
Wir wissen nicht, ob es so bleiben wird, wie es jetzt ist. Aber ich bin sehr daran interessiert, was in Lateinamerika läuft und ich hoffe auf finanzielle Unterstützung, damit ich weiterhin die dringenden Geschichten erzählen kann, die die klassischen Medien nicht mehr erzählen. Es ist mir ein Anliegen, die Erinnerung an das Zeitgeschehen in der Region wach zu halten.

*Pablo hat die Fragen alle auf spanisch beantwortet, die wir übersetzt haben – die Originalfassung ist unten stehend zu finden.

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¿Cómo estás?
En Buenos aires llevamos más de 150 de confinamiento, es una situación que no puedo terminar de comprender, por momentos me resulta fascinante y otras veces insoportable.
Mas allá de las interpretaciones posibles ha calado hondo en todas nuestras relaciones y sobre todo en la relación íntima con nosotros mismos.

¿Cómo han estado tú y tu fotografía desde el comienzo de la crisis?
Cuando comenzó la pandemia y empezaban a cerrar las fronteras estaba trabajando en Chile cubriendo las revueltas sociales. Cuando llegue a Buenos aires empece mi cuarentena y fueron los barrios más pobres los primeros en sufrir la pandemia y me dedique a trabajar en eso casi dos semanas. Luego decidí correrme de la línea de peligro para poder acompañar y asistir con tranquilidad a mi padre. Entonces como los dos somos fotógrafos empece a retratar la vejez de mi padre asi como él fotografió mi niñez, de alguna manera jugando juntos.
En el medio de todo esto surgió un colectivo Latinoamericano que se llama Covidlatam donde somos 9 fotógrafos, 9 fotógrafas establecidos en 11 países. Con este colectivo surgen continuamente intercambios, ideas y proyectos que acompañan los días de aislamiento.
En lo personal finalmente pude hacer mi página web después de 20 años de trabajo y terminar mi película: un corto documental sobre el pueblo Mapuche.

¿Cómo ve la tarea de la fotografía en el contexto de la pandemia?
Sin duda es un registro muy importante de época donde el adentro y el afuera cobra una fuerza de equidad poco común. Después de todo este tiempo ya empezamos a naturalizar los mecanismos que en un principio nos resultaban novedosos e inverosímiles pero creo que como documentalistas, artistas, etc. tenemos un desafio importante.

¿Cambiará la fotografía?
Creo que no tanto, lo que estoy seguro es que la economía mundial afectara más de lo que ya estaba afectándonos como trabajadores visuales.

¿Qué significa la fotografía para ti personalmente?
Primero tengo que decir que me dedico a la fotografía documental trabajando sobre todo en temas de derechos humanos y medioambientales.
Para mí la fotografía es una síntesis perfecta porque me permite estar cerca de los sucesos que considero importante.
Por un lado estoy convencido de que la cámara es una herramienta que puede ser un instrumento de poder cuando se alinea junto a otras disciplinas. Creo que es capaz de pujar hacia una transformación real en beneficio de la sociedad. Por otro lado también es una conexión con lo sagrado, con la creación y la inspiración.
Entonces eso me permite conversar con el cielo pero también con la lucha terrenal y urgente.

¿Cuál es tu deseo fotográfico personal para el futuro?
Estaría feliz con que retornen los proyectos que se interrumpieron con la pandemia, nada
de lo estaba en pie sabemos si seguirá. Estoy muy interesado en lo que sucede en América Latina y espero que lleguen recursos para poder seguir narrando las historias urgentes que ya los medios editoriales no cuentan. Me preocupa mantener viva la memoria de los sucesos contemporáneos de la región.

#FacesOfPhotography – Teil 98: Ed Thompson aus Ramsgate

Im Frühling hätte Ed Thompson mit dem Gewinn des Sony World Photography Grants eine große und publikumswirksame Ausstellung in London bespielt. Ebenjene ist im Zuge der Pandemie ausgefallen. Was das für ihn bedeutet und woran er anstattdessen gearbeitet hat, darüber hat er mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

How are you doing?
I am well.

What have you experienced photographically in the last weeks and months?
I was a winner of the Sony World Photography Grant last year and was given $7.000 to make a personal project on Brexit, shot on a Sony digital camera. That work would have been exhibited at Somerset House in London this spring, but the show got cancelled due to Covid and the work put online instead. I’ve also bought a number of photography books over lockdown from various independent publishers as right now they are also getting hit because of various photography festivals being cancelled. It’s good to support our industry as its very small.

How do you think the current crisis will affect the industry in general and the English industry in particular?
I started properly freelancing in 2007 which was the worst economic recession in living memory in the U.K (at that time). So there is always a way. I think Covid + Brexit is going to be savage for the U.K. Thankfully I freelance for a number of international clients who pay me in US dollars and Euros.

What are you currently working on?
As I said, in 2019 I won a Sony World Photo Award with an edit of work photographed in Kent, the county where I live. In lockdown I’ve gone through my archive of medium format documentary photography made in Kent over the past 20 years. At the time I was drawn to subjects, events and issues that interested me here in the south-east of England. There was no way of knowing that a number of the themes that have surfaced from that body of work were also factors that ultimately contributed to Brexit happening as the photographs have themes of nostalgia, class, austerity, the far-right, nationalism and the uncanny of everyday English life.
I’ve been working on making book dummies with an edit from that archive and I believe it is the best thing I’ve ever done or will do photographically.

UK Living Historians. World War Two. German Officer shows an antique grenade to a bystander.

What is your personal photographic wish for the future?
I would love for a photography book publisher to see the body of work mentioned above, but its very hard in the UK as there aren’t many publishers that value British documentary photography anymore, unless the photographers are dead, then that changes everything. The ones that do then want you to pay-to-play when it comes to making a book. There’s certain rings that need to be kissed, certain individuals who need to be bowed down to but as a new dad to twins I just don’t have time to play those games.
I think if a European publisher saw the work they would get it. I would love to reach out to Gerhard Steidl as he seems passionate about photography books and very focused. If the exhibition at the Sony World Photo Award in London wasn’t cancelled this year I could have met him as he would have been there as the winner of the Lifetime Achievement Award and I would have been their showing the Sony World Photo Grant work I made on Brexit.

A recently rescued hen without it’s feathers wears a jumper to keep warm.

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#FacesOfPhotography – Teil 97: Hahn+Hartung aus Berlin

Miguel Hahn und Jan-Christoph Hartung arbeiten als Fotografenduo Hahn+Hartung zusammen. Die Zeit des Lockdowns nutzten sie, um die Auswirkungen der Pandemie in Berlin zu fotografieren. Darüber und über noch so einiges mehr haben sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Wie ist es Euch fotografisch in den letzten Wochen und Monaten ergangen?
Miguel: Anfangs war es natürlich ein Schock wie für die meisten Freiberufler. Die meisten Jobs und Veröffentlichungen wurden verschoben oder ganz gestrichen. Wir haben die Zeit aber genutzt um weiter an freien Projekten zu arbeiten. Es war auch eine Zeit, die wir nutzen konnten um über unsere Arbeit und unser Vorgehen nachzudenken und vieles zu hinterfragen. Im Alltag fehlt ja oft die Zeit innezuhalten und zu schauen wo man steht.

Habt Ihr die Zeit für freie Projekte bzw. deren Planung nutzen können? Wenn ja: Gibt es schon etwas zu sehen oder zu verraten?
Miguel: Wir haben in der Zeit die Auswirkungen der Pandemie in Berlin fotografiert. Das hatte auch eine therapeutische Wirkung. Ich denke viele von uns nutzen die Fotografie letztendlich auch um die Realität zu verarbeiten. Eigentlich hatten wir vor mal wieder ein größeres Projekt im Ausland zu fotografieren, das gestaltet sich aber Momentan schwierig. Daher werden wir eher nach lokalen Themen recherchieren.
Chris: Es gab ja vor allem in der Anfangsphase kaum eine Möglichkeit an etwas Anderem zu arbeiten als an den Auswirkungen der Krise. Anfangs haben wir sogar noch hinterfragt, ob das ethisch vertretbar ist, da man ja zu Hause bleiben und keine anderen Leute treffen sollte. Letztlich haben wir es aber dann doch durchgezogen.

Was denkt Ihr, welche Auswirkungen wird die Krise kurz- und langfristig – stilistisch, wirtschaftlich, finanziell – auf die Fotografie haben?
Miguel: Das kann ich persönlich schwer einschätzen. Ich habe auch das Gefühl, dass während der Pandemie jeder nicht nur Virologe sondern auch Finanzexperte und Politiker geworden ist. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass wir ziemlich direkt nach dem Lockdown wieder Anfragen für Jobs hatten und es eigentlich gerade besser läuft als vor der Krise. Ich denke die Krise wird Auswirkungen auf unser zwischenmenschliches Verhalten haben und das wird sich mit Sicherheit auch auf die Fotografie auswirken.
Chris: Ich bin auch kein Experte und die Meinungen gehen da stark auseinander. Ich denke aber, dass Bilder auch weiterhin eine große Bedeutung haben werden und es auch weiterhin Möglichkeiten geben wird, damit seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Da kommen sicherlich noch ganz andere Herausforderungen auf uns zu, wenn man bedenkt, wie schnell die Entwicklung von guten Kameras in Handys voranschreitet oder wie Bildbearbeitung und Bildmanipulation immer einfacher wird. Man muss sich eben anpassen oder weiterentwickeln statt sich zu beklagen.

Was bedeutet Euch persönlich die Fotografie?
Miguel: Ich bin sehr dankbar dafür, ein Medium gefunden zu haben über das man Geschichten relativ einfach erzählen und an ein breites Publikum bringen kann. Die Fotografie erlaubt es mir auch Einblick in Welten zu bekommen, zu denen ich ansonsten niemals einen Zugang hätte. Ich habe die letzten Jahre auch mit Überraschung festgestellt, wie meine Persönlichkeit mit unserer Arbeit verwoben ist. Wenn wir etwas machen und es gut läuft geht es mir gut, wenn wir gerade nicht vorankommen oder an unserer Arbeit zweifeln bin ich auch als Mensch unsicher.
Chris: Für mich ist die Fotografie auch eine Methode, um die Gesellschaft besser zu verstehen und zu analysieren. Ich fühlte mich noch nie so richtig einer bestimmten Strömung zugehörig und finde es eher faszinierend zu beobachten, mich mit gesellschaftlichen Tendenzen, bestimmten Gruppierungen usw. auseinanderzusetzen. Da ich eher introvertiert bin, ist die Kamera für mich auch ein Stück weit ein Zugang zu anderen Welten. Gleichzeitig ist da neben der inhaltlichen Auseinandersetzung natürlich auch die Freude am Ästhetischen.

Was ist Euer fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Miguel: Mehr Zeit für mehr freie Projekte
Chris: Dass man immer die Energie und Kreativität hat, sich weiterzuentwickeln.

Website von Hahn+Hartung
Instagram-Feed von Hahn+Hartung
Facebook-Profil Hahn+Hartung
LinkedIn-Profil von Miguel Hahn
LinkedIn-Profil von Jan-Christoph Hartung

Das Foto von Hahn+Hartung hat übrigens M.Lüder von Lotto Brandenburg gemacht.

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#FacesOfPhotography – Teil 96: Claudia Eschborn aus Hamburg

Als die Krise kam, hatte Claudia Eschborn gerade eine Festanstellung als Fotografin angetreten. Finanziell haben sie die letzten Monate also glücklicherweise nicht getroffen, ihre freien Arbeiten allerdings liegen alle auf Eis. Was genau sie erlebt hat, darüber hat sie mit den #FacesofPhotography gesprochen:

Was ist Dein fotografischer Schwerpunkt?
Im Rahmen meiner künstlerischen Fotografie beschäftige ich mich mit dem Reisen als Spurensuche. Die dabei entstehenden analogen Fotografien reproduzieren Orte und Dinge ohne jemals Menschen zu zeigen.
Was Auftragsarbeiten betrifft hängt mein Herz an der editoriellen Fotografie; auch hier interessiert mich vor allem das Entdecken von Orten, das Reisen und Lernen.

Was hast Du fotografisch in den letzten Wochen und Monaten erlebt?
Glücklicherweise konnte ich mich rechtzeitig in eine Festanstellung als Fotografin „retten“ und so einer schlechter werdenden Auftragslage entgehen. Diesbezüglich haben mich also zumindest finanziell die letzten Wochen und Monate nicht aus der Bahn werfen können.
Für mein aktuelles freies Projekt war eigentlich kurz „vor Corona“ die Produktionsphase für ein weiteres Künstlerbuch geplant, was viele Treffen für Abstimmungen, Testdrucke, etc. gebraucht hätte. All das liegt nun bis auf Weiteres auf Eis.
Im Zuge der Veröffentlichung des Künstlerbuches ist auch eine Ausstellung geplant, die ich nun aber in die Zeit „nach Corona“ schieben möchte, um wieder unbeschwert und ohne Einschränkungen mit Gleichgesinnten eine schöne Ausstellungseröffnung zu feiern.

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Wenn mich Menschen danach fragen sage ich oft, dass die Fotografie für mich nahezu therapeutischen Wert hat. Damit meine ich natürlich in der Hauptsache die Arbeit an meinen freien, fotografischen Projekten. Immer dann, wenn der berufliche Alltag am stressigsten ist und ich körperlich und geistig an meine Grenzen gehe, ist ein Ausflug mit meiner Linhof genau was ich brauche, um wieder runterzukommen und zu entspannen.
Die Fotografie ist für mich Leidenschaft und Beruf. Eigentlich eine sehr luxuriöse Situation.

Wird sich die Fotografie in der Folge der Krise verändern?
Im Blick auf die kommerzielle, beziehungsweise Auftragsfotografie denke ich, dass die Krise dazu führen wird, dass Budgets und Zeitpläne noch weiter eingekürzt werden. Viele Kunden haben leider ein gutes Händchen dafür, Krisen jeglicher Art in dieser Hinsicht für sich optimal zu nutzen und auch die Not der Fotografen, die jetzt vielleicht ein paar Monate lang wegen Corona keine oder nur wenige Jobs hatten, für Ihre Zwecke auszunutzen.
Im Bereich dokumentarische und auch künstlerische Fotografie könnte ich mir vorstellen, dass wir in naher Zukunft viele spannende Projekte sehen werden, die das Thema Corona direkt oder indirekt verarbeiten.

Was ist Dein fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Im Grunde wünsche ich mir in fotografischer Hinsicht einfach weiterhin die Möglichkeit, meine freien Arbeiten voranzubringen, wieder unbeschwert mit der Kamera zu reisen und eine neu zu entdeckende Ruhe nach einer verrückt-beängstigenden Zeit – um nach vorne zu sehen und weiterzumachen.

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