Archiv der Kategorie: #FacesOfPhotography

#FacesOfPhotography – Teil 63: Paula Markert aus Hamburg

Paula Markert aus Hamburg kann sich vorstellen, dass fotografische Projekte angesichts der Krise politischer werden. Ihren Blick auf eventuelle Veränderungen hat sie den #FacesOfPhotography erzählt:

Was ist Dein fotografischer Schwerpunkt?
Ich arbeite seit meinem Studium als freie Fotografin im Editorial Bereich und mache Portraits und Reportagen für Magazine und Zeitungen, teilweise aber auch für Corporate-Agenturen und Firmen. Ausserdem arbeite ich an freien Projekten, meistens zu gesellschaftlichen oder politischen Themen, mache Ausstellungen und Bücher. So habe im vergangenen Jahr beispielsweise mein Langzeitprojekt über die rechtsterroristische Mordserie des NSU bei Hartmann Books veröffentlicht.

Was hast Du wirtschaftlich seit Beginn des Shutdowns erlebt?
Die Aufträge sind in den ersten Wochen des Lockdowns, wo alles gefühlt still stand, spürbar weniger geworden. Ich hatte trotzdem noch Termine, die unter Beachtung der ganzen Sicherheitsmaßnahmen weiter möglich waren. Vor allem im Corporate-Bereich wurden viele bereits für die nächsten Monate geplanten Termine abgesagt oder verschoben. Die finanzielle Lage ist aber ok, ich habe direkt die Soforthilfe der Stadt Hamburg und zusätzlich noch eine Projektförderung der Hamburgischen Kulturstiftung für eine neue, freie Arbeit bekommen. Ich denke es wird sich erst in den kommenden Monaten herausstellen, wie dramatisch die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise wirklich sein werden und ab wann ein ganz normales fotografisches Arbeiten wieder möglich sein wird.

Was bedeutet die Krise für Dich fotografisch?
Das hat zwei Seiten. Dass es gerade etwas weniger Jobs gibt, bremst einen natürlich finanziell erst einmal aus. Auf der anderen Seite habe ich in den letzten Wochen viel Zeit gehabt, mich konzentriert in ein neues freies Thema einzuarbeiten, ein Konzept zu entwickeln und erste Stationen für dieses Projekt zu planen und auch Förderungen zu beantragen. Gerade die ersten Wochen des Lockdowns waren fast erholsam ruhig, ich habe es genossen, endlich mal nur an einer Baustelle zur Zeit arbeiten zu müssen. Normalerweise jongliert man mit so vielen Aufgaben gleichzeitig, so dass mir diese Chance zur Fokussierung wirklich gut getan hat.

Was denkst Du: Was wird die Krise für die Fotografie allgemein – wirtschaftlich und inhaltlich – verändern?
Die wirtschaftliche Krise wird ja definitiv kommen, und gerade auf den wackligen Zeitungs- und Magazinmarkt wird sich das in Form von Sparmaßnahmen auswirken. Anzeigenkunden werden vorsichtiger, Redaktionen geben möglicherweise weniger Aufträge heraus, weil dementsprechen auch die Ausgaben dünner werden. Kunst- und Kulturinstitutionen werden diejenigen sein, die erst ganz am Ende der Lockerungen der Corona-Maßnahmen wieder zu einem normalen Betrieb zurückkehren können, Ausstellungen, Workshops usw. können nicht in der Form umgesetzt werden, wie wir es gewohnt sind. Freie Projekte, für die man beispielsweise auch ins Ausland reisen muss, lassen sich momentan schwieriger langfristig planen und umsetzen. Das alles ist natürlich eine große Umstellung. Vielleicht bewirkt die Krise der letzten Monate aber auch, dass fotografische Projekte politischer werden. So eine Zäsur wie der Lockdown zur Eindämmung einer globalen Pandemie kann auch zur Folge haben, dass man Selbstverständliches hinterfragt und sich der Blick auf die größeren Zusammenhänge schärft.

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Ohne Fotografie würde ich mich wahrscheinlich ständig langweilen. Ich komme durch sie, egal ob im Auftrag oder für freie Projekte, an Orte, an die ich sonst nicht käme, treffe Menschen, die ich sonst nicht kennenlernen würde. Sie ist immer eine Annäherung an gesellschaftliche Fragen, die mich beschäftigen. Ich recherchiere und fotografiere, um solche Fragen für mich auszufomulieren und möglicherweise auch Antworten zu finden.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zukunft?

Dass ich bald ohne zu große Einschränkungen mein neues freies Projekt, für das ich auch internationale Reisen machen muss, umsetzen kann.

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#FacesOfPhotography – Teil 62: Alessandro Falco aus Belem do Pará

Alessandro Falco lebt seit 2018 in Brasilien und widmet sich seither fotografisch ausschließlich sozialen und umweltpolitischen Fragen, die im Zusammenhang mit dem Regenwald stehen. Den #FacesOfPhotography hat er erzählt, woran er gerade arbeitet, warum er immer wieder losgeht, um seine Geschichten zu fotografieren und warum er sich mit einem persönlichen fotografischen Wunsch schwertut:

How are you in these strange times?
I’m fine. After months being worried for my family and friends in Italy, now parts are inverted.

How is the crisis currently affecting Brazil?
The situation is getting worse everyday. Despite the sub-notification of official cases, Brazil contagious rate surpassed 370k cases, reaching an infamous 2nd place for number of infections, in the world.

A portrait of Katiká, the oldest member of Karipuna indigenous people, decimated until today where they’re less than 10. Their land was recently invaded and portions of the forest have been cleared inside the indigenous reserve by land grabbers.

What have you experienced professionally since the beginning of the crisis?
It’s a mix of feelings that can’t be described easily. My work is basically stopped, with no income since few months. In addition, taking photos became more dangerous, while the stories that most deserves to be highlighted are usually impossible to document. I generally feel more tired because of working conditions, with an additional stress for the eventuality of being infected or expose my wife to the virus for small mistakes.
The industry of photography should take in consideration the struggles of independent photographers in this critic period, supporting the work of independent photographers.

What are you currently working on?
I’ve recently documented the death of an indigenous man. He was living at the outskirt of my city in a highly vulnerable community of 160 people; it’s the fifth death by COVID19 in a month.
I’m also documenting the burial of Covid victims in a special area of a cemetery, while planning the feasibility of travel to other affected areas in the Amazon.

Gravediggers burying suspected and confirmed deaths by COVID-19, in a special area of a cemetery in Belém do Pará, Brazilian Amazon. Brazil becomes a new global COVID-19 hotspot with new cases surging at an alarming rates, and more than 20000 confirmed deaths.

What do you think is the task of photography in these times?
Definitely to highlight the risks and consequences that this virus brings to the population, document our contemporary history, the struggle of frontline workers, trying to contrast the global wave of skepticism on regard.

Do you think that ways of seeing and visual languages will change against the background of the crisis?
It all depends on how long there will be lack relationships and human contact, essential in photography. If this nightmare will continue for the coming months, the most creative will need to find other ways to communicate urgent issues. I’m trying.

Land burned to be cleared for cattle grazing near Porto Velho. The Brazilian Amazon has reached its highest deforestation rate in more than a decade, with more than 9760 square kilometers of rainforest loss in the first seven months of 2019 (INPE). The data does not include the dramatic month of August, when deforestation rate stood at +222% (3929 square kilometers) and more than 25000 fires sparked global concern about the future of the largest tropical rainforest in the world.

What is your personal photographic wish for the time after the crisis?
I’d be uncomfortable with making a personal wish in front of such devastating scenario for the Amazon region, but I hope that the most vulnerable communities will stay away from it and can return to normal life asap.

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#FacesOfPhotography – Teil 61: Berthold Steinhilber aus Stuttgart

Berthold Steinhilber aus Stuttgart hat sich in den vergangenen Jahren mehrere fotografisch-finanzielle Standbeine geschaffen. Mit der Krise sind gleich mehrere davon ins Wanken geraten – was ihn dazu bringt, ganz grundsätzlich und laut bei den #FacesOfPhotography über mögliche künftige Modelle nachzudenken:

Wie geht es Dir?
Es muss – dem hiesigen süddeutschen Idiom nach übersetzt bedeutet dies, den Umständen entsprechend gut oder es könnte deutlich schlimmer sein. Meine Fotografenseele sagt, die Lage ist aussichtslos, aber ich bin voller Hoffnung.

Persönlich gibt mir die Coronakrise viel Stoff zum Nachdenken. Wir sind in einem Lebensabschnitt, in dem wir uns um unsere kranke Eltern kümmern. Beide Mütter sind Pflegefälle, die Geschwister und wir hatten vor allem zu Beginn der Krise sehr viel Angst um sie. Die Angst schwindet etwas und wir arrangieren uns mit einer Kombination aus Hygiene und Abstandsregeln, die ein Zusammenleben wieder zulässt.

Ich konnte die letzten Wochen auch immer das Haus verlassen, die 10 Minuten zum Atelier rübergehen und dort am Rechner weiterarbeiten und zum Glück konnte ich auch immer wieder in meinen geliebten Wald. Ein Ritual beim Heimkommen war, auf dem Balkon stehend über die stille Innenstadt von Stuttgart zu schauen und dem allabendlichen Vogelkonzert zu lauschen. Eine solche Stille gab es noch nie in dieser Stadt. Das ändert sich gerade wieder.

Ich war allerdings die letzten Wochen nicht im Stande, mich fotografisch mit der Coronakrise auseinanderzusetzen. Es gab auch Aufrufe meiner Agentur laif, aber weder Bilder von Menschen mit Masken, leere Innenstädte noch abgesperrte Kinderspielplätze waren für mich persönlich Bilder, die ich hätte machen können. Sie zeigen mir eine Gegenwart, aber diese Krise öffnete für mich Abgründe, für die ich im Moment weder Worte noch Bilder habe.

Col de la Bonette aus dem Buch „Passbilder – Landschaften der Alpenpässe“.

Was hast Du seit Beginn des Shutdowns beruflich erlebt?
Bei mir wurden schon Ende Februar die ersten Aufträge storniert oder zurückgestellt. Im ersten Quartal fotografiere ich normalerweise sehr viele Corporate-Aufträge für Stiftungen und Unternehmen (Portraits), die mir einen Großteil meines Einkommen aus Aufträgen einbringen. Anfangs der Coronakrise wurde die Aufträge noch in den Sommer verlegt, aber mittlerweile wurden alle für dieses Jahr abgesagt. Bebildert werden diese mit dem Material der letzten Jahre. Ich kann die Entscheidungen der Verantwortlichen sehr gut nachvollziehen, es bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig, der finanzielle Ausfall lässt sich aber garantiert nicht stopfen.
Ich habe vor Jahren schon angefangen, meine Einkommensquellen auf mehrere Standbeine zu verteilen. Das ging bisher sehr gut, wobei jetzt doch mehr Beine als erwartet schrumpfen und schwanken. Da werde ich bei dem ein oder anderen ordentlich was unterlegen müssen.

Woran arbeitest Du zur Zeit?
Ich arbeite wie immer an (viel zu) vielen eigenen Themen. Ich skizziere mal drei davon, wobei eines noch im Anfangsstadium ist und ich es als solches unter „ungelegte Eier“ einsortiere.

Ich fotografiere Menschen, die sich sehr viel Gedanken machen, woher unser Essen kommt, wie es produziert wird, wie es um das Wohl von Mensch und Tier steht. Es sind alles Einzelkämpfer und ich bewundere ihr Tun und wir sollten ihnen mal zuhören und schauen, was sie machen. Interessanterweise verdiene manche von ihnen während der Coronakrise besser als vorher. Sie scheinen also etwas richtig zu machen. Ihre Kritiker aus der Industrie sagen oft, das wäre doch ein Rückschritt. Manchmal ist ein Schritt zurück genau dann richtig, wenn die nächsten beiden Schritte in den Abgrund führen würden. Es kommt nicht darauf an, dass man stur immer weiter macht, sondern sich den Weg, den man gehen will genauer anschaut und es der Richtige ist.
Wie beim Bergwandern. Da kannst du auch nicht nur geradeaus und immer weiter nach oben gehen, die Topographie gibt dir den Weg vor.

Das führt mich zum nächsten Projekt. Ich fotografiere seit 2018 eine sehr schöne Landschaftsgeschichte in den Alpen, die 2021 als Buch veröffentlicht werden soll. Ich hoffe, dass ich im Juli wieder fotografieren und im Zeitplan bleiben kann. Sobald die Grenzen in die Alpenländer offen sind, kann ich loslegen. Ob das so klappt, wird sich zeigen. Genügend Abstand zu meinen Mitmenschen hätte ich dann sicherlich.

Das dritte Projekt ist eine Mega-Mammut-Projekt über unser Land und ist in dieser Phase das „ungelegte Ei“. Das Projekt wird so umfangreich werden, dass ich auch die dazugehörige datenintensive Website des Projekt selber gestalten will. Ein kompletter Wahnsinn.
Dazu habe ich die Corona-Zwangspause genutzt, um mich erst einmal in die technischen Finessen von WordPress und Datenbankwissen einzuarbeiten. Mit diesem Wissen habe ich parallel meine Website selber neu gestaltet und umgestellt.

Dann bastle und löte ich wieder an einigen Lampen, mit denen ich meine Lightworks Bilder beleuchte – ich brauche da für ein noch wieder anderes Thema noch eine spezielle Lampe und hatte mir bisher nie die Zeit dafür nehmen können, die mal zu bauen. Jetzt werde ich sie testen und kann sie dann einsetzen.

Portraits in Zusammenarbeit mit dem Künstler Emeka Ogboh, Kunsthalle Baden-Baden.

Was bedeutet die Krise Deiner Meinung nach für die gesamte Fotobranche?
Ein heftiger Einschlag, der Rauch hat sich noch nicht gelegt, der Schaden lässt sich momentan nicht genau beziffern, die Orientierung fällt noch schwer und Auswege sind nicht auszumachen. Nicht jeder ist gleichermaßen davon betroffen, das macht die Sache keinesfalls einfacher. Wohl dem, der vorsorgen konnte. Die Event- und Reisefotografie liegt am Boden, Portraitfotografen nehmen ihre Arbeit langsam wieder auf, ein Teil der Pressefotografen hat gut zu tun, dem Großteil der Fotografen geht es aber miserabel. Und keiner weiß, ob es nicht eine zweite Welle im Herbst-Winter geben wird.

Ich weiß, dass unsere Lobby in dieser Krise nicht größer wird und sie momentan nicht einmal mit dem besten Makro-Objektiv abzubilden ist.
Man kann nur gebetsmühlenartig und zum x-ten mal appellieren, ähnlich einem Ave-Maria oder Mantra, mit der Hoffnung, dass die vielen Wiederholungen helfen: kauft bei den richtigen Leuten ein, bezahlt sie angemessen und gerecht und verhindert Dumping-Preise, damit die Fotografie am Leben bleibt.

Wie kommt man aus der Krise, was wäre ein sinnvoller Weg? Wo soll man anfangen? Wer könnte anfangen?
Ein Konjunktur- und Förderprogramm für Fotografen? Klingt komisch, aber warum nicht. Wie bei den Landwirten. Vielleicht sogar europaweit, Solidarität für unsere europäischen Kolleg*innen. Oder Stipendien für Newcomer und erfahrene Profis gleichermaßen. Themen die relevant sind, gibt es genug. Eine Kulturnation könnte das stemmen. Natürlich würde das den Verlust nur lindern, wäre keine All-in-one Lösung, aber irgendwo kann man ja anfangen.

Ist eine Form von Mindestlohn bei Aufträgen denkbar, aufgeschlüsselt nach Kriterien ähnlich der MFM Liste, ausgehandelt von den Berufsverbänden inkl. den ausgewiesenen Abgaben der Auftraggeber an die Künstlersozialkasse?
Wäre das anfangs machbar, wenn es sich bei den Auftraggebern um Bund, Länder, Anstalten des öffentlichen Rechts, Universitäten etc. handelt? Gefolgt von der Wirtschaft im zweiten Schritt. Würde das die Abwärtsspirale abbremsen? Die Microstockagenturen aus den USA hätten das Nachsehen, es gäbe heftigen Widerstand aus vielen Ecken, aber für viele Freischaffende Planungssicherheit und eine erste Form von Grundsicherung. Die Preise nach oben für mehr Qualität, Aufwand oder Exklusivität würden bestehen bleiben.

Alles sinnlose Gedankenspiele? Lehrt uns die Krise etwas, finden wir Auswege?

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Sie ist meine Sprache. Die Fotografie ist ein magisches Medium, etwas einzigartiges, das nur sie kann.
Noch nie zuvor in der Geschichte schauten Menschen sich so viele Bilder an. Es muss also etwas geben, dass sie fasziniert. Das Wissen um die unglaubliche Anzahl an Bildern, die jeden Tag im Netz hochgeladen werden, diese enorme Bilderflut ist ein kaum lösbares Problem, nicht mehr überschaubar. Ist es vielleicht nicht eher ein Problem des Konsums, des Umgangs und der Verarbeitung von Daten, als eines der Fotografie an sich? Die Faszination und das Interesse an der Fotografie ist da. Das Konsumieren und den Preisverfall müssen wir in den Griff bekommen. Da müssen wir ansetzen um Ideen zu entwickeln.

Eimerkettenbagger Mad Max, Ferropolis, Deutschland.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Der ist eigentlich in diesen Zeiten komplett irrelevant. Der Virus wird so schnell nicht verschwinden, vielleicht erst dann wenn ein Impfstoff für alle verfügbar ist. Im Kopf aber wird die Corona-Krise bei vielen länger dableiben und wir müssen wohl lernen, mit den Folgen zu leben.
Die Gedanken, die viele Menschen in der Bevölkerung im Moment haben, dass es ein „weiter so“ eigentlich gar nicht mehr geben kann oder geben darf, fällt hoffentlich auf fruchtbaren Boden.

Natürlich wünsche ich mir, dass die Wertschätzung für Fotografie wie oben beschrieben an Bedeutung gewinnt. Das ist aber hypothetisch. Das wird nicht einfach so passieren, da bedarf es an Handlung.

Könnte sie so aussehen wie oben skizziert? Ich weiß es nicht, ich hätte auch noch weitere Ideen, wie das gelingen könnte. Allein ist es aussichtslos, verpuffte Energie. Ich kann meine Parameter und Preise für mich abstecken, das geht, dafür reicht die Power.

Ich bin Fotograf, allein, Einzelkämpfer, der seine Zeit und Energie sowieso schon einteilen muss und sich dann eher für die fotografischen Themen entscheidet. Ich weiß, das ist ein Grundsatzproblem unter den Fotografen und Künstlern. Austausch ist wichtig, aber lösen werden wir das nicht, wenn wir uns nur einmal zum Corona-Bier mit Mundschutz treffen.
Aber eines ist auch sicher, das sage ich aus voller Überzeugung: We Never Surrender…

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#FacesOfPhotography – Teil 60: Wolfram Schroll aus Hagen

Musik oder Fotografie – Wolfram Schroll aus Hagen hat sich für den Beruf des Fotografen entschieden, genauer gesagt für den des Industriefotografen. Was die Krise für ihn bedeutet, darüber hat er mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Wie geht es dir ?
Mir gehts gut. Wir wohnen ländlich und haben nette Freunde und Nachbarn um uns.
Sicher gab es auch einige schlechte Tage. Etwa der, an dem ich endlich kapiert hatte, das die Krise nicht in ein paar Wochen vorbei ist, sondern sehr lange dauern kann. Aber es soll keine Klage von mir kommen. Durch Kontakt zu spanischen Kunden hab ich gut mitbekommen, wie es im europäischen Ausland aussieht. Da sind wir in Deutschland gut aufgestellt, in fast jeder Beziehung. Ganz zu schweigen von anderen Teilen der Welt.

Was hast Du seit Beginn des Shutdowns beruflich erlebt?
Ende Februar bin ich von einem Auftrag aus Spanien zurückgekommen. Am zweiten März wurden alle kommenden Aufträge abgesagt, verschoben oder in Frage gestellt, 2020 wäre ein gutes Jahr geworden. Allerdings kamen dann auch wieder einige wenige Anfragen und auch Jobs.

Woran arbeitest Du zur Zeit?
Ein paar Aufträge habe ich, so in etwa alle 10 Tage einen Job, das beruhigt meine Nerven sehr. Ich werfe einen Blick in mein Archiv, habe jetzt aus Langeweile mit Instagram begonnen, versuche Davinci Resolve zu verstehen, lese englische Bücher, um mein altmodisches Schulenglisch zu verbessern und auf meiner Liste steht ein neues Showreel mit Videos aus den letzten Jahren.

Wird sich die Fotografie stilistisch / wirtschaftlich / inhaltlich generell mit der Krise ändern?
Das weiß ich nicht. Stilistisch und inhaltlich verändert sich die Fotografie ja immer, wirtschaftlich bestimmt. Wie diese Krise für die Wirtschaft ausgeht, können wir nicht ahnen, hoffentlich gibt es nur ein paar blaue Augen. Viele meiner Kunden arbeiten direkt oder indirekt für die Automobilindustrie. Da ist gerade Stillstand, ich meine echten Stillstand, viele Werke produzieren nicht. Geld wird bei jedem Etatgespräch eine stärkere Bedeutung haben.

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Ich habe eine ganz klare Reihenfolge, meine Frau, meine Kinder, mein Beruf.
Wobei Beruf nicht das richtige Wort ist. Wahrscheinlich geht es den meisten kreativen Selbstständigen nicht anders, Beruf und Freizeit werden irgendwie Eins. Für mich ist es ein Lebensentwurf, so zu arbeiten und zu leben. Das es die Fotografie geworden ist, hat sich ergeben. Es gab früher eine Gabelung, entweder Musik oder Fotografie. Heute bin ich mit Fotografie sehr glücklich, sie gehört zu meinem Leben, ist Teil davon geworden. In den letzten Jahren habe ich mich auf Industriefotografie spezialisiert, das ist für mich das Allergrößte.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Einen ganz persönlichen Wunsch habe ich nicht. Ich bin ein 100% iger Auftragsfotograf.
Und die spannendsten Aufträge kamen immer unerwartet und überraschend.
Aber weil ich die Fotografie einfach liebe, tut es mir weh und schmerzt, wenn sie immer mehr unter die Räder kommt. Ich wünsche mir mehr Wertschätzung, einen respektvollen Umgang mit der Bezeichnung Fotograf*in. Und eine angemessene Honorierung wäre nicht schlecht. Ich selbst komme gut klar, aber was ich so höre, ohje. Wenn das so weitergeht, kann sich diesen Beruf irgendwann keiner mehr leisten.

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#FacesOfPhotography – Teil 59: Andreas Reeg aus Darmstadt

Andreas Reeg sieht als eine der Aufgaben der Fotografie in der heutigen Zeit die Sensibilisierung für Situationen und Schicksale. In seiner eigenen Arbeit hat er den „Arzt der Armen“ durch einige Stunden der Krise begleitet. Was er dabei erlebt hat und was sein persönlicher fotografischer Wunsch ist, hat er den #FacesOfPhotography erzählt:

Andreas, wie geht es Dir?
Danke, mir und meiner Familie geht es gut. Trotz der auftragsarmen Zeit habe ich volle Arbeitstage, wenn auch in reduzierterem Tempo, und mit mehr Pausen, die zur Freude von uns allen der Familienzeit zugute kommen. Vieles was sonst noch neben den Jobs geschah, füllt jetzt den Tag aus. Projektförderanträge, Newsletter, Webseitenoptimierung, die Steuer… Es gibt irgendwie immer was zu tun.

Was hast Du wirtschaftlich seit Beginn der Krise erlebt?
Bis in den April hinein hatte ich noch Aufträge. Meistens redaktionelle Portraits „mit Abstand“, was ich anfangs extrem seltsam fand, da es ja meist darum geht, eine Nähe zu den Portraitierten herzustellen. Dann gab es aber auch Momente, in denen ich diese Distanz gar nicht so schlecht fand, da ein besonderer gegenseitiger Respekt den Raum ausfüllte, der irgendwie etwas Verbindendes hatte. Eine interessante Erfahrung. Aber zurück zur eigentlichen Frage. Da ging es mir ähnlich wie den meisten anderen Kolleg*innen. Mein Kalender war bereits bis Juni mit schönen Jobs gefüllt und dann wurde alles komplett abgesagt. Die 1.500 € Soforthilfe, die ich erhielt waren da nur ein kleiner Trost. Glücklicherweise hatte das Jahr mit sehr viel Arbeit begonnen, was mich jetzt etwas abfedert. Ein Teil der Aufträge wurde auf August verschoben und gerade kommen wieder erste Anfragen für aktuelle Jobs. So bin ich weiterhin optimistisch, dass es ab Sommer wieder langsam bergauf geht.

Prof. Dr. Gerhard Trabert, Mainz. Warten auf Patienten. Personen mit Fieber können einen Corona Test machen lassen.

Du hast an dem Thema „Pandemie, ganz unten“ gearbeitet – wie kam es dazu?
Die Zeit beauftragte die Autorin Caterina Lobenstein und mich, den Arzt Gerhard Trabert zwei Tage lang zu begleiten, um zu zeigen, wie sich die Corona-Pandemie auf den ärmsten Teil der Bevölkerung in Deutschland auswirkt. Gerhard Trabert versorgt seit über 20 Jahren arme und wohnungslose Menschen in Mainz und er ist mit seinem Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.“ die zur Zeit einzige Streetworker-Organisation, die seit dem Shutdown, von Armut betroffene Menschen in Mainz versorgt. Viele andere Einrichtungen für Wohnungslose wurden im Zuge der Pandemie geschlossen. Somit wurde die Situation für schutzlose Menschen noch prekärer. 2017 erschien mein Buch ARZT DER ARMEN über Gerhard Trabert und seine Patienten. Das erste Bild und die Idee zum Buch sind damals ebenso im Rahmen eines Auftrages für DIE ZEIT entstanden. Umso mehr hat es mich gefreut, dass die Redaktion mich wieder beauftragte um diese wichtige Geschichte mit zu erzählen.

Arztmobilsprechstunde in der Mainzer Innenstadt.

Welche war Deine intensivste Erfahrung?
Mit Gerhard Trabert während der Arztmobilsprechstunde unterwegs zu sein ist voller intensiver Momente. Den emotional eindrücklichsten erlebten meine Kollegin und ich während Traberts Sprechstunde in einer Containersiedlung. Ich möchte dazu gerne einen Ausschnitt aus Caterina Lobensteins Text zitieren:
»Der nächste Patient hat zwei frisch genähte Schnitte am Bauch. Ein perforiertes Magengeschwür. „Daran hätten Sie sterben können“, sagt Trabert. Als er die Wunde reinigen will, rennt plötzlich unter Gebrüll ein bärtiger Hüne auf das Gelände, mit Gitarre auf dem Rücken und Stachelarmband am Handgelenk. „Ihr Huren!“, schreit er. „Ihr Homos!“ Trabert verdreht die Augen. Der Mann hat neulich in der Containersiedlung randaliert und hat seitdem Hausverbot. Doch weil die übrigen Heime wegen der Pandemie keine Neuen aufnehmen, weiß er nicht, wohin. Der Mann schreit und kratzt sich unaufhörlich. „Ich hab Stress, ihr Huren!“, brüllt er. „Ich hab’n Schub!“ 
“Der ist völlig betrunken“, sagt Trabert. „Aber wahrscheinlich hat er recht.“ Der Mann leidet an Schuppenflechte, und psychische Belastung beschert ihm heftige Krankheitsschübe. „Das kennt jeder, der bei Stress Herpesbläschen bekommt“, sagt Trabert. „Nur dass der Stress der Leute hier existenziell ist: Woher kriege ich was zu essen? Wo schlafe ich heute Nacht?“ Der Hüne wankt auf Trabert zu. „Normalerweise würde ich ihn einfach in den Arm nehmen“, sagt Trabert. Damit ließen sich selbst die aggressivsten Patienten besänftigen. „Aber das geht ja jetzt nicht mehr.“ Er reicht dem Hünen eine Salbe. „Danke, Herr Professor“, sagt der und zieht davon.« Den Ganzen Artikel gibt es hier zu lesen: DIE ZEIT Nr. 20/2020

Was denkst Du, was ist die Aufgabe der Fotografie gerade in diesen Zeiten?
Ein großer Wert liegt sicherlich in der Dokumentation für nachfolgende Generationen, aber vor allem in intensiven Fotoprojekten, die uns im Jetzt für die Situation, für Schicksale sensibilisieren, unser Verhalten im besten Falle positiv beeinflussen und dadurch den Verlauf der ganzen Sache mit zum Guten beeinflussen. Andrea Frazzettas Portraits von norditalienischen Ärzten, Pflegern und Krankenhausbeschäftigten ist hierfür ein starkes Beispiel, das mich sehr berührt hat und mir neben all den Zahlen, das erschreckende Ausmaß der Krise in Italien, emotional klar gemacht hat.

Ablegen der Schutzkleidung.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Meine freien Projekte zu sozialen Themen bedeuten mir viel und ich wünsche mir weiterhin die Zeit, diese neben meinen Aufträgen realisieren zu können. Und natürlich wünsche ich mir wieder den alten Umfang an Fotoaufträgen zurück, für die ich sehr dankbar war und die mir neben dem Spaß an den vielen Begegnungen, den Lebensunterhalt für mich und meine Familie einbrachten. Ich fühlte mich schon immer privilegiert, von Fotografie leben zu können und mit ihr die Möglichkeit zu haben, wichtige Themen nach draußen kommunizieren zu können. Dieses Privileg will ich weiterhin für Menschen und gesellschaftlich relevante Themen einsetzen, die wenig Aufmerksamkeit erhalten, diese aber verdienen.

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#FacesOfPhotography – Teil 58: Sabine von Bassewitz aus Lübeck

Warum die Darstellung einer perfekten Welt zynisch sein kann und was der persönliche »schwarze Freitag« gebracht hat, dass verrät Sabine von Bassewitz aus Lübeck im Interview mit den #FacesOfPhotography:

Was ist Dein fotografischer Schwerpunkt?
Ich fotografiere in erster Linie Menschen – sowohl bei Auftragsarbeiten als auch bei freien Projekten. Klar mache ich auch Bilder, auf denen kein Mensch zu sehen oder im Fokus ist, die sind dann jedoch meistens Teile von Serien, die den Menschen thematisieren. Oft geht es dabei nicht um DEN Menschen, sondern um DIE Menschen, ich habe sehr viel Freude an Bildern, die uns als soziale Wesen zeigen, in Interaktion mit anderen.

Wann und wie hat Dich die Krise beruflich getroffen?
Ich hatte einen „schwarzen Freitag“, das war der 20. März. Da wurde mir im Laufe des Vormittags alles gecancelt oder auf „irgendwann“ verschoben. In den zwei Wochen darauf habe ich mich statt mit der Fotografie ausschließlich mit rein ökonomischen Belangen und den Hilfsanträgen für die staatlichen Soforthilfemaßnahmen beschäftigt. Da zudem die Betreuung für meine Kinder weggebrochen ist, bin ich aus meinem bisherigen Alltag komplett hinauskatapultiert worden und habe eine Weile gebraucht, um zwischen Homeschooling für meinen Zehnjährigen und der Aufsichtspflicht meinem risikofreudigen und nimmermüden Fünfjährigen gegenüber – und den entsprechenden Fluchten zum Homeschooling an den Strand im April mit seinem Kaiserwetter – so etwas wie einen Arbeitsflow zu finden.

Wird sich Deine Fotografie mit der Krise verändern?
Ich denke, ich werde mich verändern müssen, zumindest mittelfristig. Ein Teil meiner Auftragsarbeiten sind Events, das wird auf unbestimmte Zeit nicht mehr wie bisher stattfinden, hier hoffe ich auf eine langfristige Erholung. Ein weiterer Teil sind Corporate Porträts. Auf epidemiologischer Sicht ist das sicherlich bald wieder machbar, es wird ja auch schon wieder praktiziert, ich habe jedoch jetzt im April und Mai noch keine entsprechenden Anfragen bekommen. Ich glaube auch nicht, dass dahingehend in diesem Jahr noch viel passieren wird, die Kundschaft sieht auch unsicheren Zeiten entgegen und hält ihr Geld zusammen.
Ich nutze die Zeit, um mir endlich mal ein Studio auszubauen und einzurichten. Bisher habe ich mich immer bei Bedarf in Studios eingemietet, ich freue mich nun sehr, dass mein eigenes Studio langsam Form annimmt und hoffentlich bald einsatzbereit ist.

Was denkst Du, was die Krise allgemein für die Fotografie – wirtschaftlich und visuell – bedeuten wird?
Also, wirtschaftlich ist es ein ziemlicher Schlag ins Kontor, nicht nur bei mir, auch bei den Kollegen. Ich hoffe, dass sich das für uns alle bald erholt und dass wir auch ein paar Nachholeffekte haben – irgendwann sind die vorhandenen Corporate Porträts nicht mehr aktuell und müssen ersetzt werden. Visuell denke ich, dass sich unser Hang zum perfekt getunten Bild überlebt haben wird. Nicht aus Gründen eines Zurückschraubens der Qualität, sondern weil die Darstellung einer perfekten Welt schneller ungewollt zynisch wirken kann. Ich glaube, wir werden geerdeter und kantiger, einfach weil man nicht mehr wegdiskutiert, dass die Welt kantig ist. Bei freien Arbeiten beobachte ich das schon länger, ich glaube, dass das bei Aufträgen auch Einzug halten wird.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die „neue Normalität“?
Oha, das ist schwer zu sagen. Ich hoffe, dass unsere Arbeit weiterhin wertgeschätzt wird, sowohl in künstlerischer als auch in ökonomischer Hinsicht. Zudem hoffe ich für mich persönlich, dass ich jetzt, wo ich mich einigermaßen an den Krisenmodus gewöhnt habe, Neues ausprobieren kann und vielleicht neue fotografische Wege beschreiten kann. Ein Stillifer wird aus mir nicht, aber im Bereich von Porträts gibt es vieles, was ich noch nicht entdeckt habe und wofür mir auch ein Protagonist reicht. Mir schwebt schon lange eine Porträtreihe mit einem befreundeten Künstler vor, ich mache die Porträtfotografie und er verfremdet dann das Bild dementsprechend, wie er unseren Protagonisten erlebt. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um so etwas zu starten.

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#FacesOfPhotography – Teil 57: Klaus Lange aus Berlin

Klaus Lange sieht die Flexibilität als eine grundsätzliche Qualität von Fotograf*innen, vor allem in Zeiten der Krise: „Was hilft’s, wir müssen uns den neuen Begebenheiten eben noch dynamischer und kreativer anpassen.“ Darüber und über noch viel mehr hat er mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Wie geht es Dir in diesen sonderbaren Zeiten?
Mir geht’s gut. Trotz Pandemie-bedingter einschneidender familiärer Veränderungen, wir sind alle gesund und ich habe sogar Jobs.
Im Bewusstsein das wir in Deutschland gesellschaftlich, wirtschaftlich und gesundheitlich so richtig „Schwein“ haben, sehe ich in dieser Krise keinen anderen Ort, an dem ich lieber sein möchte. Denn neben allen offensichtlichen politischen und gesellschaftlichen Verbesserungsmöglichkeiten bei uns: wir leben in einem funktionierenden demokratischen und gesundheitlich ziemlich gut aufgestellten System. Das wird mir gerade sehr klar, dafür bin ich dankbar.
So sehr die massive globale Entschleunigung auf mich apokalyptisch wirkt, so sehr empfinde ich sie „reinigend“. Wir sind global gezwungen anzuhalten, können nachdenken. Wir wissen doch alle mehr oder weniger bewusst, dass wir diesen ökologisch verrückten Raubbau an Ressourcen nicht endlos weiter machen können. Durch die Pandemie wird noch deutlicher, wie fragil unsere Lebensweise ist. Je klarer das in meine Wahrnehmung tritt, desto wichtiger werden mir Werte. Privat haben wir als Familie in diesem Denken schon 2019 entschieden ins Grüne zu ziehen, back to the roots. Ende Januar 2020 sind wir umgezogen, gerade noch vor dem großen Stillstand. Seitdem ackere ich wann immer möglich im Garten und liebe es zu sehen, wie die Natur funktioniert. Kennst Du den Duft von frischer, gesunder Erde?

Was macht der Job?
Einer meiner Bestandskunden, eine Hilfsorganisation, hat Corona bedingt viel für mich zu tun. Ein Job der mir in jeder Hinsicht Spass macht und mich noch eine Weile beschäftigen wird. Die Zusammenarbeit mit diesem Kunden baue ich seit Jahren auf und aus. In der Arbeit mit NGOs musst Du unkonventionell und sehr flexibel in der Herangehensweise sein, um gute und wirtschaftlich sinnvolle Arbeiten zu produzieren. Mein Engagement wird offensichtlich gesehen. Ein gutes Gefühl!

Was hat sich bei Deine Shootings verändert?
Vorerst musste ich (leider) entscheiden, alleine zu produzieren und zu reisen, habe meine Produktionen dafür auf ein Minimum an technischem Aufwand angepasst und bin beeindruckt, wie gut das geht.

Verändert sich auch Deine Fotografie?
Bei mir darf und soll es „menscheln“, dafür werde ich im Besonderen gebucht, so arbeite ich gerne. Vor allem in meiner Arbeit mit Testimonials stelle ich dieses „menscheln“ durch Bezüglichkeit und Nähe her, die ich in der sonst gewohnten Form aktuell nicht mehr so einfach aufbauen kann. Zurzeit funktioniert Begegnung für mich, wie durch einen „Schleier“, ist antiseptisch und ungewohnt. Ich sehe das in meiner Arbeit und experimentiere mit neuen Begegnungsformen.

Wird sich die Fotografie mit der Krise generell verändern?
Wenn ich das wüsste… Ich habe noch keine Idee davon, welche wirtschaftlichen, politischen und am Ende dann ggf. auch beruflichen Veränderungen perspektivisch kommen werden und wie sich das auf die Medienbranche auswirken wird. In der Wirtschaftskrise 2008 musste ich schon einmal alles umstellen und war lange ohne nenneswerte Jobs. Damals habe ich sehr bewusst mein Studio aufgegeben, bin ein paar Monate nach Argentinien gegangen und habe entschieden, wieder auf eine „One-Men-Show“ umzuschalten. Bis es funktioniert hat, habe ich zusätzlich stundenweise als Barista in einem Café gejobt. Die Umstellung hat ne Weile gedauert, aber funktioniert.
Die Corona-Krise hat allerdings ein anderes und viel beängstigenderes Format. Da sich die wirtschaftliche Situation für angewandte Fotografen seit Jahren ohnehin schon zuspitzt, werden die Spielräume immer enger. Aber was hilft’s, wir müssen uns den neuen Begebenheiten eben noch dynamischer und kreativer anpassen. Ist Flexibilität nicht sowieso eine Qualität von Fotograf*innen?!

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Gute und gesellschaftlich relevante Bilder machen Spaß. Davon will ich noch mehr machen und mit noch mehr entsprechenden Redakteur*innen, ADs, CDs … und Kollegen zusammen finden.

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#FacesOfPhotography – Teil 56: Frank Herfort aus Moskau und Berlin

Frank Herfort ist ein Reisender, er lebt in Moskau und Berlin und fotografiert auf der ganzen Welt. Jüngst, und damit mitten in der Krise, hat er sein neues Buch »Russian Fairy Tales« herausgebracht. Wie es ihm damit und mit der allgemeinen Situation geht, hat er den #FacesOfPhotography erzählt:

Frank, wie geht es Dir?
Sehr gut, ich halte seit gestern mein zweites Buch “Russian Fairytales”  in den Händen. Es ist gerade erst erschienen und ich bin sehr stolz darauf. Es ist super geworden. Ein Buch aus den letzten fast 20 Jahren meiner Fotografie aus Russland. Ich bin ja sehr kritisch und Urteile über meine eigene Arbeit gebe ich meistens nicht ab, doch das Buch ist ein Masterpiece und Teil meines Lebens und deshalb freue ich mich gerade. Habe sogar etwas geweint als ich gestern die Kartons öffnete.

Woran arbeitest Du zur Zeit?
Seit Oktober letzen Jahres bin ich mit dem Buch beschäftigt. Daneben arbeite ich auch schon an einem anderem Buch, das Ende diesen Jahres heraus kommen sollte. Ein anderer Verlag und Fotograf, der meine Idee leider kopiert hat, kam schon mit einem schnellen Buch vor mir raus. Dann kam auch noch der Virus und ich konnte nicht weiterfotografieren. Bis 20. März war ich non-stop mit fotografieren beschäftigt. Das alles ist jetzt auf Anfang 2021 verschoben.

„Bei einem geheimen Treffen mit Edward Snowden in Moskau – der ist ja schon seit ein paar Jahren an Isolation und Ausgangsperren gewohnt.“

Werden in und für Russland noch Fotojobs vergeben? Wenn ja, wie ist das Arbeiten in Russland zu Corona-Zeiten?
In Russland ging das ja erst sehr spät los und bis jetzt braucht man eine Ausgangsgenehmigung, die man online beantragen muss, wenn man sich mehr als 200 Meter vom Wohnort entfernt. Selbst in einen Supermarkt, der ausserhalb des Radius‘ liegt kommt man ohne den richtigen Regiestrierungsschein nicht rein. Da wird alles geprüft, wer, wo, wann, wieviel, warum usw. Das hat mit Virus natürlich nicht mehr viel zu tun. Das ist eher so eine “Reinigungsaktion” im modernen Stil. Da werden schon viele Daten überprüft. Die Frage nach Arbeiten in Russland erübrigt sich dann fast.

Ich lebe zwar in Teilen in Russland, bin aber nicht nur auf Russland spezialisiert, sondern auch auf weltweite Auftragsbarbeiten. An meinen letzten Job kann ich mich gar nicht mehr erinnern, das war irgendwann mal im Januar diesen Jahres. Es fühlt sich schon an als war es ein anderes Leben. Als Fotograf bin ich es ja gewohnt auch mal ein paar Tage oder im schlimmsten Fall Wochen keine Aufträge zu haben. Doch seit fast einem halben Jahr keinen Auftrag zu haben ist schon krass. Mein Gespartes neigt sich fast dem Ende zu und die Auslagen für das Buch kommen noch darauf.

Seit gestern bin ich aber in Deutschland und war erstaunt, dass alle Läden und Lokale geöffnet haben, die Parks voll sind usw. Als hätte ich das alles nur geträumt…

In einem Mietstudio in Berlin.

Wie schätzt Du die allgemeine Lage der Branche ein?
Ich denke, dass hat so ein Ausmaß und Konsequenzen, dass man das sehr allgemein sehen muss. Das wird sehr lange dauern, dass sich die gesamte Branche neu orentiert und alles wird viel mehr lokaler und mehr online stattfindet. Oder vielleicht auch genau das Gegenteil, mal wieder richtige Fotografen mit richtigen Kameras überall hinfliegen zu lassen. Aber ich weiss es nicht… Ich jedenfalls orientiere und sortiere mich selber gerade neu. Mein ganzes Archiv wird gerade durchforstet.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Ein Fotograf ohne Reisen und Jobs ist wie ein Kapitän ohne Boot. Es muss also wieder losgehen.

Franks nagelneues Buch »Russian Fairy Tales« kann man übrigens direkt bei ihm auf der eigens eingerichteten Website bestellen!

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#FacesOfPhotography – Teil 55: Alex Galmeanu aus Bukarest

Alex Galmeanu aus Bukarest denkt darüber nach, was in der Zukunft eine*n gute*n von eine*m weniger gute*n Fotograf*in unterscheidet. Und über die Demokratie in der Fotografie. Dazu und noch zu einigem mehr haben die #FacesOfPhotography ihn gefragt:

Alex, how are you in these strange times?
Strange times indeed. From a personal point of view, I’m ok. I’m in good shape; my family is safe, and my friends are well. From a business point of view, things are quite different. As probably everyone is saying, there’s no precedent for this. You don’t know how to react and which is the best approach to a crisis like this. You can imagine that almost overnight, all the activities in my studio changed: many of the ongoing projects were canceled or postponed, all the short-term plans became halted, and everything shifted almost in a blink of an eye. Indeed, the most important thing is health; being healthy, everything else I’ll fix at some point.

If we weren’t in crisis, what would you be working on?
Before the crisis, I had something like 3 to 4 ongoing advertising campaigns. Just two weeks before the lockdown, one of my clients confirmed a year-long contract, which he later was forced to postpone indefinitely. In another case, a three-days commercial project I photographed just before the lockdown is still not delivered, after more than two months, with the client temporarily closing the business.
I also had a plan to buy some new equipment and make some changes to the layout of my studio (and other investments), but now everything is postponed, of course.

What are you working on instead?
I have an introduction to this question. I believe that the photography industry was never so democratic as now. Access to technology is simple, cheaper than before, and available for everyone. That means everybody could be a potential photographer, and the number of photographers is rising rapidly every day. So, in such a democratic industry, how a good photographer looks like? What’s the difference between a good and a not so good photographer today? From my point of view, I believe the difference is more philosophical than technical. Almost everyone will deliver a „good light“ or a decent composition. Still, just a good photographer will be ready to understand and decrypt this fantastic spectacle of life around us and provide concepts relevant to it. So, the difference between photographers I see it in a theoretical and philosophical territory.
With the background I described above, I intended to take advantage of this lockdown period and concentrate on a more theoretical approach of photography, reading, and studying some relevant aspects that I can use in future personal or commercial projects.

Another thing I’ve done is a sort of reportage of the lockdown in Bucharest, in a personal approach. I walked on the strangely deserted streets of the city almost every day, photographing the pandemic lockdown effects around me. Fortunately, some of the pictures were fitting for a local bank advertising campaign, so I sold them.

I had enough time to take care of my old projects also, ones I neglected in the last couple of years. I run here a website called Muzeul de Fotografie, which is a personal approach of a photographic museum, already more than ten years old. Even being a private initiative, a non-academical one, the website is already relevant to the local academic community, as is often credited as a source for many scientific papers on the subject. One of the highlights is the discovering of the oldest aerial photography of Bucharest, for example.

As you know, I’m mainly a portrait photographer, but I discovered it is not so compatible with a „lockdown“. A portrait photographer needs subjects to photograph, and people around him. But, I decided not to stop it so quickly, so another part of my „free time“ was spent on video and photo self-portraits. I know it sounds like a joke, but imagine me being alone in a big studio, with no so much to do as usual, but with enough determination not to be stoped by this lockdown event. Even if the selfie movement I see it a being a bit childish, I believe the self-portrait is an excellent exercise for a portrait photographer.

Is it already clear what the crisis means for the photography industry in Romania?
Like anywhere else, everybody is launching different scenarios, but the effects on the photographic industry are not apparent. I think the main difference will be in the business travel area. We will see fewer business trips for photographers and clients so that we will concentrate on local projects and local clients more than before. Of course, some projects we will do remotely, actually already happened to me. Last Friday, I just had a quite big campaign with no agency or client on the set, but online, „live“ with us.
Another thing that happened at this shooting I had on Friday was health and safety-related. The production house insisted that all the relevant people involved in the production to be coronavirus tested before the shoot. I took a medical exam a day before, which I believe will be a standard approach in the immediate future.

Do you think that ways of seeing and visual languages will change against the background of the crisis?
The change depends on how long this crisis will be. A short turmoil will have a limited effect, and a longer one will change some things. I believe that social conscience has a short memory; people tend to forget something very quickly as a group (that’s why most of the politicians they still have careers, for example). Inevitable, the photography art (and visual industry) is following the life itself, I think any change will be related and linked to the way life will evolve. Photography is like a mirror of this spectacle of life; it will reflect what’s in it.

What is your photographic wish for the time after the crisis?
I need to see people around me as it used to be before the crisis. I like to feel again that unique energy is happening at some projects when many people are vibrating to the same idea. I need proof that the photography industry is still relevant, and the photographers are still needed. Of course, I know the photography industry will be relevant a long time from now, I’m very optimistic about the future, but I still need proof of it.

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#FacesOfPhotography – Teil 54: Bertram Solcher aus Hamburg

Bertram Solcher ist Medizinfotograf und hat damit eine etwas andere Perspektive auf die Krise. Was das genau heißt, woran er arbeitet und was die Krise seiner Meinung nach für die Fotografie bedeutet, hat er den #FacesOfPhotogrpahy erzählt:

Bertram, was ist Dein fotografischer Schwerpunkt?
Ich mache Corporate Fotografie mit den Schwerpunkten Medizin, Wissenschaft und Technik. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich einfach unglaublich neugierig und es macht mir auch nach vielen Jahren noch Spaß in andere Welten einzutauchen. Hauptsache es sind Menschen dabei.

Was reizt Dich an medizinischen Themen?
Ich bin in einem Arzt-Haushalt aufgewachsen. Meine Schwester und ich haben als Kinder im Labor gespielt, wenn unser Vater Visite gemacht hat. Später hat mich der Klinik Fotograf in die Geheimnisse des s/w Labors eingeweiht und mit mir Bildbesprechungen gemacht. Dann habe ich selber Medizin studiert. Ich spreche und verstehe also die Sprache und ich kenne die Abläufe. Mich erschrecken die Themen Krankheit und Tod nicht und mit Chefärzten kann ich auch umgehen.
Fotografisch reizt mich die unglaubliche Vielfalt der Themen und die technischen Herausforderungen. Man muss sich immer wieder klarmachen, dass Patienten in einer Klinik, oder generell Kranke, Menschen in einem Ausnahmezustand sind. Die brauchen einen sensiblen und zurückhaltenden Fotografen. Meine Auftraggeber erwarten aber das besondere Bild, häufig also eine Gratwanderung. Glücklicherweise bin ich in der Lage mich im Hintergrund zu halten und beobachtend zu arbeiten. Da ich nicht so gerne inszeniere, kommt mir diese Arbeitsweise entgegen.
Technisch ist die Medizin-Fotografie anspruchsvoll, weil man sich an viele Bestimmungen halten muss. Der Datenschutz muss gewährleistet sein, es gilt Hygienebestimmungen einzuhalten. Wenn auf meinen Bildern Patientendaten zu erkennen sind, dann ist das ein kapitaler Fauxpas. Wenn ich im OP die Mitarbeiter oder Geräte unsteril mache, weil ich die nötige Distanz nicht einhalte, dann kostet das Zeit und sehr viel Geld. Hinzu kommt noch, dass Medizin meist an Orten mit schlechtem Licht stattfindet, man fotografiert also immer am technischen Limit.
Egal wo ich anfange zu arbeiten, ich bekomme immer einen riesigen Vertrauensvorschuss und den gilt es sorgsam zu behandeln.

Margot, Großmutter

Aufgrund Deines Schwerpunktes könnte man vermuten, Du hast zur Zeit gut zu tun – ist dem so?
Ich habe ab Mitte 2018 ein ganz tiefes Tal durchschritten. Die DSGVO hat bei meinen Medizin-Kunden zu einer regelrechten Panik geführt. Die Hausjuristen hatten in vielen Fällen unglaubliche Horrorszenarien entworfen und über zu erwartende Strafzahlungen in Millionenhöhe schwadroniert, falls Fotos ungerechtfertigt genutzt würden. Das wiederum hat in vielen Unternehmen zur Einstellung aller Foto Jobs geführt. Das hatte sich nun Anfang des Jahres gerade wieder gebessert, dann kam Corona. Ich habe einige journalistische Corona-Aufträge bekommen und seit Ende April gibt es auch wieder vereinzelte Corporate Aufträge. Im Moment berate ich viele Stammkunden darin, wie man unter den derzeitigen Bedingungen eine visuelle Unternehmenskommunikation gestalten sollte.
Um die Frage zu beantworten. Ich habe zu tun, aber noch nicht gut. Im Moment handele ich nach dem Prinzip „You need a job, invent one.“.

Du schaust mit einem anderen Auge als die meisten Fotografen auf die Krise – was siehst Du?
Ich weiß nicht, ob ich mit anderen Augen auf die Krise schaue. Medizinisch ist diese Krise für mich nicht zu fassen. Ich halte mich an die Regeln und hoffe, dass die Anderen das auch tun.
Mental hat die Krise bei mir eine ganze Menge verändert. Die ersten drei Wochen nach dem Shutdown war ich ziemlich deprimiert. Geholfen hat mir mein familiäres, visuelles Corona-Tagebuch. Noch heute bin ich völlig verblüfft wie unterschiedlich Bilder sein können, die alle am gleichen Ort aufgenommen und immer mit denselben Protagonisten bestückt sind. Diese Fotografie war wie eine Therapie für mich, sie hat mir geholfen mich nicht ausschließlich mit der Krise zu beschäftigen, sondern mehr an meine Familie und mich zu glauben und auch Positives zu sehen.

Wie beeinflusst die Krise, das Wissen um das Virus Deine Arbeit und Deinen Blick?
Ich denke, wir sollten den derzeitigen Zustand (Mitte Mai) als unsere neue Normalität akzeptieren. Wir werden auf absehbare Zeit kein Vorher mehr haben. Körperliche Nähe war ein Vertrauensbeweis, jetzt ist sie eine Bedrohung. Damit müssen wir klarkommen, auch fotografisch. Zusammenarbeit wird nicht mehr durch Nähe visualisiert werden können.
Das Virus hat in meiner Wahrnehmung den Umgang miteinander verändert. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die egal wie betroffen sie sind, nach vorne schauen und auf der anderen Seite stehen diejenigen, die ausschließlich schlecht gelaunt sind und die sich permanent darüber beklagen, dass der Staat und alle anderen nicht genug für sie tun. Ich habe beschlossen das Wort „Unternehmer“ mit Leben zu füllen. Dazu gehört für mich den Blick zu fokussieren, auch den fotografischen. Wahnsinnig spannend fand ich es übrigens meine Corona-Arbeiten direkt mit den Arbeiten von Magnum, VII oder NOOR Fotografen vergleichen zu können. Wir hatten alle die gleichen Bedingungen und wann hat man das schon mal, dass man sich so direkt vergleichen und hinterfragen kann. Ich finde übrigens, dass ich mich ganz ordentlich geschlagen habe. Sollte jemand anderer Meinung sein, möge er das bitte für sich behalten oder mir schonend bei einem Bier beibringen.

Michael, Bäderland

Woran arbeitest Du zur Zeit außerdem?
Wie gesagt, die ersten Aufträge trudeln wieder ein. Das beruhigt schon mal immens.
Und dann habe ich noch ein fotografisches Mammutprojekt angefangen: Ich fotografiere Menschen, die von Corona betroffen sind. Beim genaueren Hinsehen habe ich festgestellt, dass es niemanden gibt, der nicht in irgendeiner Weise betroffen ist. Etwa dreißig Personen habe ich bereits fotografiert. Die Großmutter, die sich nicht traut ihre Enkel zu besuchen, sitzt hinter einer Glastür, die Sargträger, die nur noch einen Bruchteil des Üblichen verdienen, weil die Trauerfeiern so kurz sind, stehen vor der Friedhofskapelle, der Bademeister steht im leeren Schwimmbad. Die Bilder bekommen keine Bildunterschrift, sondern werden nur mit dem Vornamen der Person und dem Beruf oder der Eigenschaft gekennzeichnet: Margot, Großmutter. Die Fotos sind in s/w, sehr dunkel und die Protagonisten habe ich angeblitzt. Siebzig weitere Ideen habe ich schon.

Athanasius, Anton und Uwe, Sargträger

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für jetzt und für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir gesundheitlich und wirtschaftlich mit einem blauen Auge aus dieser Krise kommen.
Fotografisch wünsche ich mir, dass Fotografie inhaltlich wieder schwergewichtiger wird. Ich wünsche mir weniger visuellen Analphabetismus. Ich würde mich freuen, wenn Fotografen wieder häufiger als Autoren wahrgenommen würden und weniger als die Besitzer von professionellem Kameraequipment.
Wirtschaftlich wünsche ich mir wieder mehr Unternehmertum, Innovationsbereitschaft und Neugierde und weniger Bürokratie und „haben wir schon immer so gemacht“.

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Corona-Tagebuch von Bertram Solcher bei Laif
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