Archiv der Kategorie: #FacesOfPhotography

#FacesOfPhotography – Teil 109: Christian Klant aus Berlin

Als der Lockdown begann, wurde Christian Klant über Nacht zum ausschließlichen Vater und Hausmann. Danach folgte ein Sommer der Reisen und Workshops. Darüber und noch über vieles mehr haben die #FacesOfPhotography mit ihm gesprochen:

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Oh, die Fotografie. Die bedeutet mir eine ganze Menge. Sie ist mein Beruf, meine Leidenschaft und mein künstlerisches Medium zugleich. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert davon, wie vielfältig die Fotografie sein kann und dass es selbst nach vielen Intensiven Jahren doch immer wieder Neues zu entdecken und zu lernen gibt. Wunderbar ist es auch, sich mit Menschen auszutauschen, die die gleiche Leidenschaft teilen.

Was hast Du fotografisch in den letzten Wochen und Monaten erlebt?
Es war eine rasante Achterbahnfahrt. Bei mir sind fast schon traditionell die ersten zwei Monate des Jahres sehr ruhig. Diese Zeit nutze ich dazu Ruhe zu tanken, Neues auszuprobieren, freie Projekte zu entwickeln oder auch einmal etwas zu machen, was weniger mit Fotografie zu tun hat.
Ab März geht es dann wieder los. Und das ging es dann auch. Schlagartig und unerwartet in vielerlei Hinsicht. Ich habe die Wolke kommen sehen, mit Regen gerechnet. Aber das Gewitter, das dann kam war anders, als gedacht.
Alle – und ich meine wirklich alle – meiner Brot-und-Butter-Jobs wurden abgesagt. Mit der Schließung der Kitas bin ich fast über Nacht zum Hausmann geworden. Zuerst habe ich versucht, morgens ab 4:00 Uhr und abends ab 22:00 Uhr an einem Plan B zu arbeiten. Nach einer Woche habe ich realisiert, dass das weder gesund noch zielführend ist. Glücklicherweise konnte meine Frau – sie ist Osteopathin – ihre Praxis weiter geöffnet halten und fast normal weiterarbeiten. Ich habe mich dann damit arrangiert, bis auf weiteres alle fotografischen und beruflichen Ambitionen ruhen zu lassen.
Das war eine gute Entscheidung und im Nachhinein waren die Monate, die ich so eng mit unserer Tochter verbringen konnte, ein Geschenk und hat uns beiden viel gegeben.
Hin und wieder habe ich mir dann einen Tag „frei genommen“ und bin in der Dunkelkammer verschwunden oder habe einen Tag mit meiner Plattenkamera im Wald verbracht. Das hatte einen wahrhaft therapeutischen Wert für mich.
Im Juli war ich dann vier Wochen auf Tour. Für ein freies Projekt in Slowenien, Klettern in Österreich, Workshop und freie Arbeit in Frankreich. Es war eine wahre Befreiung wieder reisen zu können.

»Mein persönliches „Corona-Bild“. Ich habe es gemacht, als ich das erste Mal alleine im Lockdown im Wald verschwunden bin. Es spiegelt für mich das Fragile in unserer Gesellschaft wider, das sich gerade mit und durch Corona gezeigt hat und immer noch zeigt.«

Woran arbeitest Du aktuell – frei und als Job?
Auch, wenn der ein oder andere normale Job wieder stattgefunden hat, hat der Lockdown und seine Nachwirkungen einen Prozess beschleunigt, den ich in den letzten Jahren selbst angestoßen habe: Es ging immer mehr hin zur analogen Fotografie und immer weniger um digitale Arbeiten. Letzteres nutze ich inzwischen nur noch für Reportagen oder das ein oder andere Portrait.
Meine Leidenschaft mit großen Plattenkameras und dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren freie Arbeiten zu realisieren, hat einen großen Einfluss auf die Art meiner Aufträge mitgebracht.
Man sagt mir nach, dass ich mir einen Expertenstatus erarbeitet habe. Es gab viele Anfragen für Workshops. So viel wie in diesem Jahr habe ich noch nie unterrichtet. Workshops in Frankreich, der Schweiz und Deutschland haben unerwartet durch Corona entstandene Lücken gefüllt. Weitere in den Niederlanden und England sind geplant. Letzte Woche habe ich einen Vortrag für die Royal Photographic Society gehalten, mehrere Artikel über meine Arbeit sind erschienen und ich habe die Eröffnungsrede für eine Ausstellung gehalten. Mit Kollegen vom BFF planen wir einen Podcast rund um das Thema freie und künstlerische Fotografie.
Langweilig ist anders.
Das größte Projekt, welches mich aktuell beschäftigt ist ein Forschungsauftrag vom Rijksmuseum in Amsterdam. Ich habe die Ehre herauszufinden wie Gustave Le Gray (einer der bekanntesten Fotografen aus den Anfängen der Fotografie) gearbeitet hat. Hier kann ich meine Erfahrung in wissenschaftlicher Arbeitsweise und meine Expertise hin historischen Verfahren verbinden. Dieses Projekt wird mich bis zum Ende des Jahres beschäftigen.

Wie schätzt Du die analoge Fotografie auch im Kontext der Krise für die Zukunft ein?
Ich bin der Meinung, dass in erster Linie die Qualität einer fotografischen Arbeit entscheidend ist. Die Technik selbst ist sekundär.
Wenn die Technik – ob analog oder digital – aber beginnt eine Verbindung mit dem Bildinhalt, mit der Vision des Fotografen einzugehen, dann gewinnt sie an Bedeutung. In der klassischen Auftragsfotografie werden analoge Techniken nur eine Nischenrolle spielen. Wer diese Nische jedoch findet und proaktiv bespielt, der kann auch dort erfolgreich sein. Das ist gerade mein Hobby.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die kommenden Monate und Jahre?
Für Galerien und internationale Messen wünsche ich mir, dass sie eine gesunde Balance zwischen physischen Events und der klugen und innovativen Nutzung digitaler Möglichkeiten finden. Für mich persönlich wünsche ich mir, ein Teil davon zu sein.
In der kommerziellen Fotografie wünsche ich mir, Projekte mit Menschen zu realisieren die den Mut haben, die eingetretene Pfade zu verlassen, gemeinsam mit Qualität zu überraschen und zu Punkten.

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#FacesOfPhotography – Teil 108: Sonja Hofmann aus Hamburg

Euphorisch hat Sonja Hofmann das Jahr 2020 begrüßt. Was dann folgte, erschütterte (auch) die Fotografie-Branche und fordert bis heute ein hohes Maß an Flexibilität, Geduld und eigene Ideen – eine solche hatte sie schon vor der Krise und wagt jetzt damit eine Crowdfunding-Kampagne. Mehr darüber und über ihren Blick auf die Fotografie allgemein hat sie den #FacesOfPhotography erzählt:

Was ist Dein fotografischer Schwerpunkt?
Food, Food, Food! Bei mir dreht sich am Set alles ums Essen und die Dinge, die es dazu braucht! Dabei ist immer das Ziel, das Essen lecker zu fotografieren. Von authentisch bis inszeniert, im Studio, aber auch draußen im Wald fotografiere ich für Magazine, Werbe- und Corporate-Kunden sowie Food-Verpackungen, konzipiere eigene Projekte und nehme regelmäßig an Ausstellungen im In- und Ausland teil.

Wie bist Du bis hierher durch die Krise gekommen?
Wie bei so vielen war der Blick 2019 ins Jahr 2020 mit Euphorie und Tatendrang geprägt. Sogar die goldenen 20iger wurden überall zum Motto des Jahreswechsel gemacht… Tolle Zahl, tolles Jahr! So der Ausblick.
Heute ist unsere Situation gänzlich anders als erwartet. Ein sehr hohes Maß an Flexibilität ist gefordert, um die unterschiedlichsten Auswirkungen der Pandemie zu meistern. Stornierungen und der anfängliche totale Auftragseinbruch, zusammen mit teils sehr erschütternden Berichten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, sowie aus unserer Fotografenbranche im allgemeinen, waren und sind schockierend.
Für mich persönlich taten sich durch die ungewollt »gewonnene« Zeit auch neue Möglichkeiten auf. So habe ich nach der mehrmonatigen Testphase im letzten Jahr meinen Requisitenverleih – Cameracuisine – im Ablauf optimieren, Requisiten fotografieren und die Auswahl vergrößern können. Außerdem habe ich einige Fotostrecken realisieren können, für die zuvor die Zeit fehlte. Und ich habe mich auf unser „24 Kekse bis Weihnachten“ – Projekt konzentrieren können.

Apropos »24 Kekse bis Weihnachten«: Du hast die letzten Wochen für ein Cowdfunding-Projekt genutzt – was hat es damit auf sich?
Ursprünglich als Weihnachtskarte geplant, wurde aus unserem freien Projekt ein ganzes Buch. Es hat den Titel »24 Kekse bis Weihnachten – Das Plätzchen-Backbuch zum Aufhängen« und liegt mir sehr am Herzen.
Durch Corona wurde das Projekt dann schlagartig ausgebremst – abgesagte Buchmessen, home office, Kurzarbeit. Die Buchpräsentation wurde immer schwieriger. Schnell war klar: Flexibel sein, andere Wege gehen!
Möglich wurde dies durch die Hamburger Crowdfunding-Kampagnenförderung der Hamburg Kreativ Gesellschaft und der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, durch deren Unterstützung wir unseren Film produzieren konnten.
Nach 5 Tagen hatten wir gemeinsam mit der Crowd schon die Hälfte geschafft und die Unterstützung von allen Seiten fühlt sich in diesen Zeiten großartig an!
Am 27. Oktober 2020 endet übrigens die Bestellzeit in unserem Crowdfunding und natürlich freuen wir uns über jede*n Besucher*in und noch mehr über jede*n Käufer*in.

Was denkst Du: Werden freie Projekte wie Deines im Laufe der Krise zunehmen?
Der Wunsch danach bestimmt, die finanziellen Möglichkeiten sind insgesamt aber eher eingeschränkter als zuvor, denke ich – das Team finanziert sein Projekt auf eigene Kosten und eigenes Risiko. Da wird in Krisenzeiten zweimal überlegt.
Förderungen, wie die, die wir von der Kreativgesellschaft bekommen haben, sind eine tolle Unterstützung und dienten dazu, externe Kreative aus Hamburg für die Realisation der Crowdfunding-Kampagne buchen zu können. Das Projekt beziehungsweise die Druckkosten und die Projektkreativen sind in diesem Funding davon ausgenommen. Dennoch ist es eine großartige Unterstützung, ohne die unsere Kampagne heute bestimmt anders aussehen würde.
Für die Förderung ausgewählt zu werden war zudem sehr motivierend, da es auch eine Bestätigung ist, ein tolles Konzept und Backbuch kreiert zu haben!

Wie steht es Deiner Meinung nach um die Fotografie allgemein?
Sie unterliegt einem starken Wandel. Nicht nur die kreativen Möglichkeiten für die Fotografen ändern sich, auch die Bedürfnisse von Kunden, Agentur und Magazinseite stellt uns alle vor neue Herausforderungen.
Es dringen immer mehr Hobbyfotografen in den Markt, die sich die Frage nach dem Wert ihres Fotos, Nutzungsrechten und angemessener Bezahlung selten stellen. Den Namen am veröffentlichten Bild zu lesen ist für sie so besonders, dass sie nicht realisieren, dass die Nennung alleine keine angemessenes Honorar ist.
Auch die Themen in der Fotografie sind dem Wandel der Zeit ausgesetzt. Das wurde besonders zum Anfang der Pandemie deutlich. Heile-Welt-Kampagnen zu sehen wirkte sehr befremdlich. Das liegt an Vorlaufzeiten der Produktionen zum einen, zum anderen aber auch an einem starren System, das nicht flexibel auf große, plötzlich eintretende Veränderungen reagieren kann. Es macht aber auch die unterschiedlichen Arbeitsfelder in der Fotografie deutlich, da die Fotografie etwa im Bildjournalismus eine gänzlich andere Aufgabe hat und Sprache spricht. Zugleich entstehen an anderer Stelle spontan spannende kreative Bildstrecken.
Zudem ist Bewegtbild immer mehr gefragt. Die Schnelllebigkeit beeinflusst die Qualität der Fotografie und als Konsequenz auch die Wahrnehmung professioneller Fotografen sehr stark. Verwunderlich ist oftmals, gerade im Foodbereich, was einem da alles in der Flut an Bildern aufgetischt wird. Oftmals frage ich mich, wer danach noch was essen will.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zeit die da kommen mag?
Ich freue mich auf eine experimentelle Zusammenarbeit für eine Fotostrecke für eine Ausstellung im Mai nächsten Jahres. Dort dann zusammen unbeschwert mit anderen in der Ausstellungen sein zu können, auf Festivals dabei zu sein und ohne Einschränkungen im Studio arbeiten zu können ist, denke ich, der Wunsch aller.

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*Das Portrait von Sonja hat übrigens Jörg Rothhaar fotografiert.

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#FacesOfPhotography – Teil 107: Kai Hartmann aus Shanghai

Kai Hartmann hat im wahrsten Sinne des Wortes eine Odyssee durch die Lockdown- und Reisewirrungen der Pandemie hinter sich. Zur Zeit ist er noch in Quarantäne und wartet darauf, endlich wieder arbeiten zu können. Was er alles in den letzten Wochen und Monaten erlebt hat, hat der den #FacesOfPhotography erzählt:

Was ist Dein fotografischer Schwerpunkt?
Automotive, Automotive lifestyle, Corporate, Industrial, Aerial – ich möchte mich nur ungern auf ein Gebiet festlegen. Obwohl ich in letzten Jahren hauptsächlich für die Automobilindustrie gearbeitet habe, mag ich es nach wie vor, in Fabriken und Produktionsstädten zu fotografieren.

Was sagt die Joblage zu den letzten Wochen und Monaten? Und aktuell?
Dazu muss ich etwas ausholen – ich mache es kurz: Ich bin im Januar von Shanghai aus erst nach Singapur und dann nach Malaysia geflogen, um vor dem größten und längsten Projekt des Jahres noch etwas aufzutanken. Das Projekt ist im Norden von China. Wir fotografieren für Porsche dort jedes Jahr bei Eis und Kälte und bei bis zu -45 Grad Celsius… Dann jedoch fing das Virus an, in China zu wüten und alle Jobs wurden abgesagt.
Mist, dachte ich, bleibe ich also ein bisschen länger in Malaysia und sitze es aus. Dann, Anfang März, fing mein Computer an zu streiken und da der Reparaturservice nicht sehr vertrauenserweckend war, bin ich nach Singapur geflogen um ihn dort reparieren zu lassen. Da meine Freundin auch dort wohnt, habe ich einen 5-Tage-Kurztrip geplant.
Während ich noch in Singapur bin, beschließt Malaysia allerdings einen Lockdown. Ich entscheide also, in Singapur zu bleiben, obwohl ich noch ziemlich viele persönliche Gegenstände in Malaysia habe.
Ende März buche ich ein Ticket zurück nach Shanghai. Zwei Tage vor meinem Flug verkündet China, dass binnen 24 Stunden keine Ausländer mehr einreisen dürfen. Auch nicht die mit gültigen Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitsvisum… Kaum eine Chance den Flug umzubuchen, die Preise sind astronomisch und Flüge rar. Im Nachhinein hätte ich es allerdings trotzdem machen sollen.
Ok, jetzt stecke ich also in Singapur fest. Alle Kosten laufen in Shanghai weiter. Wohnung, Nebenkosten, alles. Singapur erlässt jetzt auch einen Lockdown, der zehn Wochen anhalten wird. Rausgehen ist nur erlaubt, um Sport in der Nähe der Wohnung zu treiben oder um Lebensmittel zu kaufen. Ich fand es in den ersten Wochen ziemlich bedrueckend, trotzdem ein Dank an Singapur, das mein Visum immer wieder verlängert hat. Falls nicht, wäre mir nur Deutschland geblieben, wo die Epidemie mittlerweile im vollen Gang war. Es war nicht möglich irgendwo einzureisen, außer nach Deutschland.


Wir haben mittlerweile Ende Mai und China erwacht wieder. Kunden fragen für Jobs an, nur leider kann ich nicht einreisen. Verteile sie also auf meine zwei Partner oder an Kollegen. Fühlt sich ziemlich beschissen an. Für einige Jobs produziere ich von Singapur aus.
Immer wieder sondieren wir die Lage. Wie und wann könnte es zurückgehen nach China? Leider ohne Erfolg.
Am 12. August gibt es dann gute Neuigkeiten aus China. Europäer mit gültigen Arbeitsvisum dürfen wieder einreisen. Es gibt mehr und mehr Job-Anfragen. Shanghai und die größten Teile Chinas sind fast wieder im Normalzustand, mit kleinen Ausnahmen. Ein temporärer Vorteil für in China ansässige Fotografen: Ausländische Fotografen können momentan nicht einreisen.
Es dauert über drei Wochen bis wir herausfinden können, wie das Einreiseprozedere abläuft. Neues Visum wird benötigt. Der Witz, eigentlich habe ich ja schon ein Visum. Muss trotzdem nochmal beantragt werden.
In Singapur macht es das chinesische Konsulat extrem kompliziert. Der einzige Weg: Zurück nach Deutschland, um dort ein neues Visum zu beantragen.
Ohne zu wissen, ob es wirklich klappt, reise ich also für das Visum nach Frankfurt. Falls nicht, hätte ich in Deutschland fest gesteckt. Keine Möglichkeit in Singapur oder Malaysia wieder einreisen zu können.
Mit viel Vorplanung hat dann aber alles binnen einer Woche auf wundersame Weise geklappt. Aber auch hier wird es einem nicht einfach gemacht, eher umgekehrt: Ticket über Zürich nach Shanghai gebucht. Der Preis war noch günstig, nur fünfmal so viel wie normal. Es können auch zehn bis fünfzehn mal mehr sein.
In Zürich lässt mich die Airline am Gate nicht ins Flugzeug. Angeblich fehlt ein Stempel auf dem Covid-Test – mir wurde nicht kommuniziert dass dieser Stempel nötig ist.
Zurück nach Frankfurt, und extrem genervt. Flug umgebucht auf den nächsten Tag von Frankfurt direkt nach Shanghai. Dann klappt es endlich. Vier Covid-Tests später sitze ich jetzt gerade in meinem Apartment in Shanghai und warte darauf dass die 14-tägige Quarantäne vorbei geht. In Shanghai gibt es die 7+7-Regelung: 7 Tage im Quarantäne-Hotel und 7 Tage in der eigenen Wohnung. Die Wohnung darf nicht verlassen werden und die Tür hat einen Sensor. Wenn die Tür geöffnet wird kommt sofort ein Anruf: „Wo sind Sie?“ Zwei mal am Tag muss die Körpertemperatur via WeChat an einen Arzt durchgegeben werden. Alles ist ziemlich gut organisiert.
Vielleicht hat ja Shanghai mit seinen 25 Millionen Einwohnern deshalb so gut wie keine neuen Fälle mehr sein Monaten. Sollte der nächste Test auch negativ sein, bin ich ab dieser Woche wieder frei. Geht dann gleich direkt im Anschluss mit einem sieben-Tage-Job in Beijing los.

Woran hast Du in der Zeit gearbeitet?
Wie wahrscheinlich fast alle, habe ich meine Portfolios erneuert, an der Website gebastelt und mich um Administration gekümmert.
In Penang und Singapur habe ich einige freie Projekte realisiert. Alle haben mit Automotive-Lifestyle zu tun.
Ich wollte außerdem schon immer mal ein eigenes Magazin gestalten – ich habe also InDesign gelernt und ein Portfolio im Magazin-Style kreiert. Hat 120 Seiten.
Ich habe mir außerdem angewöhnt, an fast allen Tagen der Woche morgens und abends Sport zu machen.
Darüber hinaus wollte ich schon immer CGI lernen. Aber irgendwie hat immer die Zeit gefehlt. Also habe ich mir einige online-Kurse und etliche YouTube-Videos und Tutorials reingezogen. Habe gelernt HighRes HDRI-domes zu erstellen, gerenderte Autos in Backplates einzubauen und komplette Studioszenen selbst zu bauen. Hat ziemlich lange gedauert und war manchmal ziemlich nervig, viel trial & error. Das Ziel war das es nicht nach CGI aussieht. Meine Freundin hat mich manchmal vom Computer verscheucht, sie meinte ich würde zulange davor sitzen.
Wenn es dann aber mal klappt, macht es Spaß. Ich werde bestimmt kein professioneller 3-D-Designer, aber trotzdem ist es sehr hilfreich zu wissen von was man redet. Außerdem gibt es einem die Freiheit, egal wo man gerade ist und in welcher Situation man sich befindet, Bilder zu kreieren.

Was denkst Du, was wird die Zukunft der Fotografie allgemein bringen?
Schwer zu sagen. Ich kenne zwei Kunden deren Marketing-Budget wurde für 2020 auf fast null gesetzt. Einige Fotografen werden es wahrscheinlich nicht schaffen sich im Zuge der Pandemie über Wasser zu halten und gezwungen sein etwas anderes zu machen. Wäre schade.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zeit, die da kommen wird?
Neue Ideen umsetzen, die sich in all der Zeit des Stillstands entwickelt haben.
Mehr Normalität. Fliege ziemlich viel durch die Gegend für Jobs. China und Süd-Asien. Mal eben kurz ein Flugzeug besteigen und ins Ausland zu fliegen klingt aktuell nach unerreichbarem Luxus.

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#FacesOfPhotography – Teil 106: Samantha Reinders aus Kapstadt

Den Lockdown in Südafrika verbrachte Samantha Reinders mit ihren Eltern – und umgeben von vielen Tieren. Seitdem sie wieder in Kapstadt ist, denkt sie über ein großes freies Projekt nach. Darüber und natürlich über noch mehr hat sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Samantha, how are you doing? 
Lockdown has been a rollercoaster of feelings, the lowest lows and the highest highs. The rollercoaster continues.
I spent the hard lockdown at my home on a small holding a few hours from Cape Town. I was locked down here with my at risk parents, 6 broody rabbits, a menagerie of turkey’s, chickens, cheeky ducks, goats and a lone sheep. And the sound of birds.
I’m back in Cape Town now, work has resumed. I’m used to traveling so much more that the cabin fever is real.

What have you experienced photographically in the last weeks and months?
I struggled initially to make images to begin with. I couldn’t understand my feelings, let alone conceptualize or visualize them. That’s only coming now…

What are you currently working on? 
I’ve just tiptoed into the start of a new personal project that is really exciting… watch this space!

What do you think about the role of photography especially in these times? 

It is incredibly important. The art we make now will define this time 100 years from now. We’re making an archive.



What do you wish for your personal photographic future?

To make an impact, however small, by introducing people to each other – through images – who would otherwise not have met. I want to continue learning and evolving as a photographer.

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#FacesOfPhotography – Teil 105: Martin San Diego aus Manila

Auch Martin San Diego hat mit weniger Aufträgen zu kämpfen – unter den wenigen, die er in den letzten Monaten bekam, war aber etwa die Washington Post. Ansonsten nutzte er die Zeit, um sich auf Stipendien zu bewerben – mit Erfolg. Mehr dazu hat er den #FacesOfPhotography erzählt:

Martin, how are you doing?
I’m coping well! This year has been slower than how I expected it will become. But I’m taking things as they go, without rushing, as it will only burn me out.

Rescued horses arrive from Taal Volcano island via boats. The Mendoza clan owns 12 horses used for tourism on the island. Thousands of horses were left behind on the island as residents fleed when the Taal Volcano erupted.

What have you experienced photographically in the last weeks and months?
Definitely there is less work these days due to the pandemic, but the ones I’ve been able to do have been meaningful. In April I did an assignment in one of the Philippines‘ biggest hospital for The Washington Post, and just recently I worked on a government campaign for coronavirus mitigation.

What are you currently working on?

Grant writing! I realized that we need to create opportunities for ourselves, not just wait for it to come. That’s why I have been applying for countless grants. Thankfully I was awarded one by the National Geographic Society a few months back, under its COVID-19 emergency fund for journalists.

What do you think about the role of photography especially in these times?
History is unfolding right in front of us, not just in some parts of the world, but everywhere! It is our duty to document this unique time, no matter how bleak the future may look like.

What do you wish for your personal photographic future?
I hope to learn more on how to improve my grant writing and photographic process. I have lot of long term projects in mind that I’d love to pour months and months of time on.

Ibale (right) resting with other staff of the Philippine General Hospital’s anesthesiology department. Their shifts go on for 24-hours and start every other day.

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#FacesOfPhotography – Teil 104: Verena Müller aus Stuttgart

Zu den Kunden von Verena Müller gehört ein großes Krankenhaus, für das sie die Auswirkungen der Pandemie zu rein dokumentarischen Zwecken fotografiert hat. Und auch sonst hat sie in den vergangenen Monaten Jobs rund um das Thema fotografieren können – darüber und seit wann wieder andere Themen angefragt werden, darüber hat sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Verena, welcher ist Dein fotografischer Schwerpunkt?
Meine Fotos mache ich im Bereich Editorial und Corporate, am liebsten fotografiere ich Menschen. Aus der Beobachtung, während sie zum Beispiel in ihrer Arbeit vertieft sind, und inszeniert als Portrait. Es ist schön und spannend, dabei aus ihrem Leben zu erfahren. Je nach Job passiert das mehr oder weniger, aber ich kann immer neue Gedanken und Eindrücke aus diesen Begegnungen mitbringen.
Einen Schwerpunkt in meiner Arbeit bilden sicherlich die Themen Gesundheit und Medizin. Das hat sich aus einem größeren freien Fotoprojekt über Menschen mit seltenen Erkrankungen entwickelt. Diese Arbeit ist jahrelang in Deutschland als Ausstellung getourt.
Generell kann ich sagen, dass für mich Geschichten und Themen nicht unbedingt eine offensichtliche Dramatik haben müssen. Ich mag auch die leisen, unscheinbaren Alltagsthemen und bin überrascht, unter einer manchmal gewöhnlichen Oberfläche eine Tiefe zu entdecken, die ich nicht erwartet hatte.

Altersheim in Stuttgart – an diesem Tag, den 13. März 2020, wurde verkündet, dass keine Besucher mehr kommen dürfen.

Wie waren Deine vergangenen fotografischen Wochen und Monate – rein jobmäßig betrachtet?
Kurz nach dem Lockdown wurden alle Aufträge abgesagt oder verschoben. Anders als erst einmal erwartet, bin ich bis jetzt doch gut durch diese Zeit gekommen. Da Medizin, wie schon erwähnt, ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist, konnte ich im Auftrag für einen langjährigen Kunden, ein großes Klinikum, die Corona-Situation vor Ort fotografieren. Da war keine aktuelle Verwendung geplant, sondern es war eher eine Dokumentation dieser »historischen Situation«.
Und dann kamen weitere Jobs von Zeitungen und Magazinen hinzu, alle zum Thema Corona, beispielsweise Portraits eines Pathologen, dessen Schwerpunkt Covid-19 ist, oder Gastronomen, die ihr Lokal schließen mussten.
Seit vielleicht einem guten Monat kommen auch wieder andere Aufträge, beispielsweise Mitarbeiterportraits – das Homeoffice scheint in einigen Unternehmen jetzt vorbei zu sein. Ich denke, ich habe großes Glück mit meinen Arbeitsschwerpunkten. Wenn ich mit Kollegen aus anderen Bereichen spreche, die zum Beispiel hauptsächlich Veranstaltungen fotografieren, weiß ich, dass die Einschränkungen bei ihnen noch länger und viel stärker spürbar sein werden.

Covid19: Auf der Intensiv-Station.

Hattest Du Gelegenheit, an freien Strecken zu arbeiten?
Die Zeit im Lockdown habe ich genutzt, um endlich meine neue Homepage zu machen. Ich arbeite seit über drei Jahren hauptberuflich als Fotografin. Gerade in der Anfangszeit war mir wichtig, wirtschafltich alles zum Laufen zu bringen. Da hat mir die Zeit für ein freies Projekt gefehlt. Jetzt habe ich mich für ein Thema entschieden, fange an Kontakte herzustellen und
arbeite gerade das Exposé aus. Ich stehe in den Startlöchern!

Was denkst Du, was wird die Zukunft der Fotografie allgemein bringen?
Ich denke durch die wirtschaflichen Auswirkungen der Pandemie wird in manchen Bereichen mehr gespart werden. Allerdings denke ich auch, dass weiterhin sehr viele Fotos auf allen möglichen Kanälen veröffentlicht werden. Hier finde ich es wichtig, uns als Fotografen gut aufzustellen und zu verhandeln, die eigene Bildsprache zu verfestigen, Beratung zu
bieten und dadurch Kunden zu binden.

Stephanie Hofmeister, 44, Wirtin der Fellbacher Weinstube „Moiakäfer“, rangiert am 16. April 2020 Tische und Stühle von der Gaststube aus. Sie hat nun mit Mindestabstand bestuhlt um nach der Corona-Krise schnell wieder hochfahren zu können.

Und was hoffst Du, was sie Dir bringen wird, die Zukunft?
Ich hoffe, dass ich weiter meine Brötchen mit der Fotografie verdienen kann. Daneben möchte ich freie Projekte machen über Menschen und Themen, die weniger Aufmerksamkeit bekommen.
Wichtig ist für mich auch der konstante Austausch mit anderen visuellen Menschen, um fotografisch nicht stehen zu bleiben. Ich fotografiere, seit ich 12 Jahre alt bin. Direkt nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Fotografin gemacht und danach Fotojournalismus in Hannover studiert. Seit einiger Zeit fotografiere ich auch wieder frei kleine Geschichten, Momente und Portraits. In Aufträgen habe ich angefangen zu experimentieren, an meiner Herangehensweise und Bildsprache zu arbeiten. Diese Leichtigkeit möchte ich gerne beibehalten.

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#FacesOfPhotography – Teil 103: Christian O. Bruch aus Hamburg

Christian O. Bruch hat nach vielen Wochen das erste Vorstandshooting unter Corona-Maßnahmen bewältigt – in einem Badezimmer. Ansonsten läuft der Job bei ihm langsam wieder an. Die Zeit bis hierher hat er für freie Arbeiten genutzt und dafür, seine Lehrtätigkeit an der Fachhochschule Hannover auf digitale Beine zu stellen. Darüber, über eine Veränderung in der Fotografie und was ihm ebendiese bedeutet, darüber hat er mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Christian, wie geht es Dir dieser Tage?
Danke, eigentlich ganz gut. In meinem persönlichem Umfeld sind, zum Glück alle gesund.
Arbeitsmäßig sind aber alle in irgendeiner Weise von den Maßnahmen betroffen. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber im Großen und Ganzen kann ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen: Noch mit einem blauen Auge davon gekommen.

Sonntagmorgen, Hamburger Fischmarkt. Es ist der 19. April 2020 und der Markt wurde auf unbestimmt abgesagt. Normalerweise wäre an diesem Sonntag alles voll mit Ständen und Buden.

Was hast Du fotografisch in den letzten Wochen und Monaten erlebt?
Jobmäßig war natürlich auch bei mir ab dem 16. März absoluter Stillstand. Und alle Jobs und Termine wurden erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben.
Zu Anfang dachte der Großteil ja noch, dass es spätestens im Juni mit dem gewohnten Arbeiten wieder losgeht. Ich hatte in den ersten Tagen tatsächlich auch noch einige einzelne Aufträge für Magazine, die aber im direkten Kontext zu dem Lockdown standen.
Erst ab Mitte Juni gab es dann den ersten richtigen Job, bei dem es um Portraits ging. Das war natürlich auch eine gewisse Herausforderung – einmal für mich als Fotografen, aber auch für den Kunden. Im Vorfeld haben wir natürlich viel darüber kommuniziert, wie man einen solchen Termin abwickelt, um einen reibungslosen und sicheren Ablauf zu gewährleisten und dabei auch ein Ergebnis zu bekommen, auf dem man nicht auf dem ersten Blick sieht, dass es unter Corona-Sicherheits-Regeln entstanden ist.
Auf alle Fälle merke ich seit einigen Wochen, dass die Kunden sich vermehrt melden und es auch wieder Anfragen gibt – offenbar ist so einiges in den letzten Monaten angefallen, was neu fotografiert werden muss. Ich habe die Zeit aber auch genutzt, um mich in Sachen Software und Post-Produktion weiterzubilden.
Da ich außerdem noch einen Lehrauftrag an der Hochschule in Hannover habe und es dort am 13. März während eines Seminars zur Einstellung des Hochschulbetriebes kam – da es fast minütlich neue Information zur Endwicklung der Pandemie und dem damit verbundenem Umgang an öffentlichen Einrichtungen gab – wurde auch diese Tätigkeit erst einmal in der gewohnten Weise beendet, was natürlich zu einem Umdenken und Verlassen der gewohnten Arbeitsweise geführt hat.
Da ich fast nur praktischen Unterricht abhalte – mit dem vorhandenem Licht-Equipment der Hochschule – musste ich mich erstmal damit auseinander setzten, wie ich nun lehren kann, wenn man sich nicht an der Hochschule trifft sondern ausschließlich online. Ich musste überlegen, wie man diese Inhalte den Studenten via Online-Vorlesung näher bringen kann, ohne dass das den Eindruck eines YouTube Videos hinterlässt.
Auch das war ein Sprung ins kalte Wasser. Da dieser Zustand leider auch für das kommende Semester gilt, bleibt es spannend.

Der Hamburger Flughafen, am 8. April 2020 während des Lockdowns – der Flugverkehr wurde extrem stark eingeschränkt, nur eine Handvoll Flugzeuge startete und landete täglich.

Woran arbeitest Du aktuell – frei und als Job?
In der Vergangenheit war es so, dass sich ein Ereignis, eine Katastrophe oder eine Krise in der Regel auf ein bestimmtes Gebiet, auf einen Ort begrenzt hat – ich denke an den 11. September oder an den Fall der Berliner Mauer, zu dem ich damals nicht gefahren bin, da ich einfach kein Geld hatte um von Hamburg nach Berlin zu fahren. Eine billige Ausrede, für die ich mir heute noch in den Arsch treten könnte. Damals jedenfalls habe ich mir geschworen: Das passiert mir nicht noch mal.
Doch Corona ist eine globale Katastrophe, von der alle betroffen sind, sie passiert jedem von uns zuhause!
Daher habe ich mich gleich nach dem Lockdown gefragt: Wie kann man etwas zeigen, was man eigentlich nicht sieht? Ganz einfach: Man zeigt die Abwesenheit des Individuums.
So kam ich darauf, bestimmte Plätze in Hamburg zu fotografieren, zu Uhrzeiten oder an Tagen, an denen diese Orte eigentlich überfüllt wären.
Auf den ersten Blick wirken sie eigentlich ganz normal, aber beim zweiten Hinschauen merkt man, dass etwas nicht stimmt. Oder, wenn man weiß an welchem Tag dieses Bild entstand und was ohne Corona, dann an diesem Ort, zu dieser Zeit los wäre.
So zum Beispiel das Foto des komplett leeren Hamburger Flughafen Terminal 1, der unter der Woche um neun Uhr morgens rappelvoll ist.
Oder das Bild am Baumwall am Hamburger Hafen – sieht aus wie ein ganz normaler Sommerabend, aber an diesem Tag wäre eigentlich der 831. Hafengeburtstag und damit wären dann dort so um die 1,2 Millionen Menschen unterwegs gewesen… So sind aber gerade mal 20-30 Leute auf der Promenade zu sehen.
Die Frage ist auch: Was bleibt übrig? Was wird man in 200 Jahren über diese Zeit schreiben, überhaupt noch wissen? Was bleibt übrig von all den Berichten, Texten, Bildern, die in den letzten Wochen, Monaten entstanden sind. Ich hoffe nicht, dass es die Bilder von achtlos weggeworfenen Mund-Nasenschutzen im Rinnstein sind – die kann ich nicht mehr sehen.
Auf alle Fälle wird es die am besten dokumentierte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit sein. Wirklich jeder Mensch auf der Erde, von Grönland bis Neuseeland, von Bottrop bis nach Murmansk hat seinen Alltag unter Corona auf den sozialen Medien gepostet.
Eigentlich hatte ich mir Ende letzten Jahres für 2020 zwei Projekte vorgenommen, die ich realisieren wollte. Beide wären mit etwas reisen verbunden gewesen. Bereits Mitte März konnte ich absehen, dass sich das so nicht umsetzen lässt, sowohl finanziell als auch logistisch nicht. Also habe ich diese Projekte erst mal auf Eis gelegt. Wobei ich eines davon in abgeschwächter Form trotzdem angefangen habe und ich auch, wann immer es möglich ist, daran arbeite. Es ist nichts großes, eher eine Herzensangelegenheit, die schon lange in mir schlummert und nun endlich umgesetzt werden möchte.
Ich hoffe aber dass ich sie im nächsten Jahr beenden kann.
Und wie schon gesagt, so langsam kommen, auch seit einigen Wochen wieder die ersten Anfragen rein. Da geht es erstmals um Portraits. Da in den letzten Monaten aufgrund des Lockdowns natürlich auch auf Kundenseite, so einiges liegen geblieben ist, was nun gerne  nachgeholt werden möchte.

Die Reeperbahn auf St. Pauli am 21. März 2020, während des Ausgehverbots und nach der Schließung von Bars, Clubs und Restaurants. Die Herbertstraße auf St. Pauli ist geschlossen, normalerweise sitzen Prostituierte in den Fenstern und Männer gehen durch die Strasse.

Was denkst Du, wie wird sich die Krise im weiteren Verlauf auf die Fotografie – inhaltlich, stilistisch, wirtschaftlich – auswirken?
Wirtschaftlich ist dieser Zustand ein absoluter Alptraum. Ich kann mich noch sehr genau an die Finanzkrise 2008, nach der Lehman-Brothers Pleite erinnern. Das war schon ein herber Einschnitt, der uns ja etwas zeitverzögert erreicht hat. Und damals war es nur eine Bank, die Pleite ging – jetzt ist es eine globale Krise, deren Ende wir leider noch gar nicht absehen können.
Wie nach jeder Krise gibt es auch jetzt viele Kollegen, die sich genau überlegen ob sie so weiter machen können und auch wollen. Gerade für junge Kollegen, die sich in der Zeit vor Corona dazu entschlossen haben den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und die ersten Kunden für sich gewinnen konnten, ist diese Zeit ein herber Rückschlag. Aber auch auf Kundenseite wird es einige Fragen nach der Notwendigkeit von Fotoproduktionen und dem Umgang mit Fotografen geben. Auf alle Fälle ist es auf beiden Seiten ein Herantasten im richtigen Umgang in solch einer Situation.
Direkt nach der ersten Anfrage habe ich eine Auflistung erstellt, wie wir während einer Fotoproduktion die Sicherheitsstandards für das Fototeam einhalten, da sind so einige Punkte zusammen gekommen. Diese Auflistung fügen wir nun jedem Kostenvoranschlag bei, damit die Kunden auch sehen, dass ich / wir das Thema Corona sehr ernst nehmen.
Stilistisch hat sich das Virus auch schon auf die Fotografie ausgewirkt: Vor einigen Tagen durfte ich den Vorstand eines großen Unternehmens portraitieren, das Badezimmer-Armaturen herstellt. Normalerweise stehen bei solchen Fotos die Damen und Herren immer recht nah beieinander, um eine Form der Einigkeit, des Zusammenhaltes zu demonstrieren. Doch jetzt haben wir sie in einem Badezimmer in ihrem Showroom etwas auseinander gestellt, ein jeder für sich mit 1,5m Abstand, zum Kollegen. Und es funktioniert. Wenn man sich das Foto anschaut, würde man nie auf die Idee kommen, dass es unter Berücksichtigung der Coronamaßnahmen erstellt wurde. Aber ich kann ja jetzt nicht all meine Kunden dazu zwingen ihre nächsten Portraits im Badezimmer zu fotografieren… Man muss sich halt genau überlegen, wie man zu einem guten Ergebnis kommt. Um sich und sein Gegenüber nicht irgendwelchen Risiken auszusetzen.

Blick auf die Elbpromenade am Baumwall am 8. Mai 2020. An diesem Tag wäre der 831. Hamburger Hafengeburtstag gefeiert worden – er wurde Anfang März abgesagt.

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Alles!! Nachdem ich als 16-jähriger den ersten Kontakt mit einer Kamera hatte, stand für mich recht schnell fest: Dass isses!!
Eine Fotografie ist für jeden Menschen sofort „lesbar“. Die darauf abgebildete Information, versteht jeder: Mann, Frau, alt, jung, gebildet oder ungebildet, unabhängig der kulturellen Identität, das ist völlig egal. Sie löst eine Emotion aus, die Barrieren überwindet.
Nicht umsonst hat der Astronaut Charles Duke – Mitglied der Apollo 16 Mission – ein Foto seiner Familie auf dem Mond zurückgelassen, sozusagen, als kleiner extraterrestrischen Willkommensgruß, für wenn auch immer.
Ich bin unendlich dankbar dass ich diese Möglichkeit habe, an Orte und Plätze zu kommen die mir ansonsten verschlossen wären oder mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ich sonst nie getroffen hätte. Und ich bin dankbar dafür, dass mir meine Kunden dahingehend vertrauen und mir diese Möglichkeiten geben. Von daher: Ja, Fotografie ist für mich die Möglichkeit meine Umwelt besser kennen zu lernen und auch die Welt zu erkunden und auch mich selbst besser kennen zu lernen.
Auch sind Fotografien, Bilder oder auch Gemälde, Dokumente und Bewahrer längst vergangener Epochen. Wann immer ich es kann, gehe ich in Städten, in denen ich gerade bin, in Museen und schaue mir die Foto- oder die Gemälde-Sammlung an. Denn, egal wie alt diese Werke sind, sie sind immer das Abbild einer Kultur die vergangen und uns heute fremd ist.

Das Autokino auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg St. Pauli am 12. Juni 2020. Es läuft der Film „Joker!“ Eigentlich sollte an diesem Tag das Eröffnungsspiel der Fußball Europameisterschaft 2020 stattfinden und auf diesem Platz live auf großen Leinwänden übertragen werden. Die EM wurde verschoben, nun wird der Platz als Autokino genutzt.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die kommenden Monate und Jahre?
Das die Kunden weiterhin Vertrauen in uns Fotografen haben.
Das sie nicht anfangen, durch Angst getrieben, ihre Mitarbeiter mit Smartphones bestückt und mit den Worten im Ohr: »Halt mal drauf, irgendetwas wird schon dabei sein…..ach, es ist ja nur fürs Intranet!« durch die Unternehmen zu scheuchen!
Dass man sich für gute Fotografie wieder mehr Zeit nimmt und diese dem Fotografen auch zugesteht.
Die Termine, die ich in den Wochen unter Corona wahrgenommen habe, gingen schon in diese Richtung und das hat sich recht positiv auf die Ergebnisse ausgewirkt. Ich kann nur hoffen, dass dieser Trend anhält und nicht gleich wieder verschwindet, da man sieht, dass es ja auch geht.

Aber um es mal mit den Worten von F. Scott Fitzgerald zu sagen;
„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom –
Und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenem zu.“

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#FacesOfPhotography – Teil 102: Tabea Borchardt aus Essen

Tabea Borchardt ist vielleicht keine Fotografin im klassischen Sinne, dennoch arbeitet sie intensiv mit dem Medium und setzt die Fotografie maßgeblich in Ihren Werken ein. Darüber und woran sie derzeit arbeitet, darüber hat sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Welchen Stellenwert hat die Fotografie in Deiner Arbeit?
Die Fotografie – oder vielleicht in meiner Sprache gesprochen – dass visuell-haptische der Fotografie, spielt eine große Rolle in meinen installativen Arbeiten, den Objekten und natürlich erkennbarer, wenn ich mit »klassischen« fotografischen Bildern agiere. Die Materialien der Fotografie, Trägermaterialien, technische sowie mechanische Apparaturen, verwandte Verfahren wie die Fotokopie, Abdruckverfahren wie Siebdruck und weitere, fließen häufig mit ein. Auch wenn das Resultat meiner künstlerischen Arbeiten seltener klassische Abbilder sind, ist die Fotografie wichtiger Bestandteil eines vielschichtigen Prozesses. Neben ständiger Dokumentation und fotografischen Experimenten im Arbeitsprozess selbst, ist die Reflexion über das Sehen mir erst durch die intensive Beschäftigung mit der Fotografie ermöglicht worden.
Zwischenschritt und Skizze beschäftigen mich insbesondere fotografisch. So habe ich in diesem besonderen Jahr sehr viele Bilder im Atelier erstellt. Die viele gewonnene Atelierzeit durch das Wegfallen anderer Veranstaltungen, war also ein Boost für die Sammlung aus Atelierfotografien, die in eine fotografische Arbeit münden werden.

»Innerhalb des Gefüges (With the Grain)«

Du hast jüngst Deinen Abschluss an der Folkwang Universität der Künste in Essen gemacht – wie ist Dein Blick auf die Fotografie allgemein?
Fotografie ist für mich ein Werkzeug, doch streng genommen bin ich kein Teil der Fotografie als Branche.
Während ich an der Folkwang UdK Fotografie studiert habe, wurde ich im Verlauf meines Studiums mit dem Satz konfrontiert »Du bist gar keine Fotografin«. Erst verwirrte mich diese Aussage, dann wurde mir klar, dass ich mich vielleicht einfach selbst nicht als klassische Fotografin positionieren sollte, oder wahrgenommen werden muss, um dennoch mit der Fotografie arbeiten zu können. Somit nenne ich mich seltener Fotografin, sondern überwiegend agiere ich als freischaffende Künstlerin. In meinem zweiten Arbeitsfeld der Kunstpädagogik, arbeite ich häufig mit den Mitteln der Fotografie, dem Verständnis von Sehen und Wahrnehmung oder selbst konstruierten Lichtbildwerfern. Die Verschränkung mit dem Bewegtbild, und die Vielfalt der Möglichkeiten, reizen mich an der Fotografie als (Ausgangs)-Medium.
Das sehr beschleunigte Arbeiten mit vergänglichen Bildern, wie sie für Kampagnen, Werbung etc. überwiegend erstellt werden, ist weniger mein Metier. Zusammengefasst mag ich »haltbare Bilder«.

Was bedeutet Dir die Fotografie?
Ohne die Fotografie so intensiv kenngelernt zu haben – wie es beispielsweise im Studium passiert ist – würden meine Bilder, und auch meine Arbeiten, mit Sicherheit ganz andere sein. Auch meine Sicht auf mediale Berichterstattung wäre vermutlich naiver, Werbung hätte mehr Einfluss auf mich. Fotografie halte ich für sehr wirkmächtig – daher erachte ich es auch als wichtig, sich intensiv mit dieser Wirkmacht auseinander zu setzen. Mir persönlich hat dies denke ich viel mitgegeben, was sich weit über das freie und angewandte Arbeiten hinaus bemerkbar macht. Möchte die Fotografie (und die Gedanken hinter den Bildern) also nicht mehr missen und weiter die Auseinandersetzung damit suchen.

»Von der Möglichkeit sich mit etwas abzufinden«

Woran arbeitest Du aktuell – frei und als Job?
Eine Ausstellung die corona-bedingt verschoben worden ist, eröffnet nun Ende Oktober (neuland Bochum). Dafür bereite ich neue Arbeiten vor, und bin viel im Atelier. Eine weitere Ausstellung im Kunstverein Kunst.werden in Essen, konnte glücklicherweise letzten Sonntag eröffnen. Dort stelle ich zum zweiten Mal mit Vesko Gösel aus, der ebenfalls viel mit dem Fotografischen agiert. Bewegtbild und Filmschnitt werden nun mehr in mein Repertoire einbezogen. Eine aktuell besonders schöne Auftragsarbeit, befasst sich mit dem Nachlass eines Musterentwurfszeichners aus einer Tischdeckenmanufaktur zwischen den Weltkriegen. Reproduktionen können nicht langweilig werden, wenn man hunderte spannende Originale festhalten darf.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die kommenden Monate und Jahre?

Die (Buch)-Projekte umzusetzen die mir vorschweben. Hoffentlich bald in ein größeres Atelier umziehen zu können, spannende Kooperationsprojekte (auch über fotografische Genres hinaus) anzustoßen und zu realisieren. Ganz dringend wieder mehr über Fotografie und visuelle Wahrnehmung zu schreiben! Super wäre dann noch ein vollautomatisches Archivsystem…

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Das Foto von Tabea hat Vesko Gösel gemacht und zwar im Museum für Fotokopie, wo gerade die Edition für die aktuelle Ausstellung erstellt wird, die die beiden aktuell in dem Kunstverein kunst.werden zeigen.

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#FacesOfPhotography – Teil 101: wemake aus Stuttgart und Köln

wemake das sind die beiden Brüder Cornelius und Matthias Bierer. Aus Fotografie und Musik kommend machen sie heute zusammen Filme. Während des Lockdowns entstand das Stück »Tanzverbot«, in dem Sie die Endzeitatmosphäre dieser Zeiten verarbeiten. Was sie außerdem erlebt haben, dazu haben sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Matthias und Cornelius, was ist Euer Schwerpunkt?
Wir sind zwei Filmemacher: wir entwickeln Film-Konzepte, planen die Produktion, drehen, schneiden, machen die Postproduction, produzieren Sound und Musik, wir machen im Prinzip alles. Kampagnen, einzelne Filme, Werbespots, Dokumentarisches, Imagefilme, Kunst… Schön ist immer ein spannendes Thema, das wichtigste ist aber das Potential, etwas spannendes und interessantes daraus machen zu können. Deshalb suchen wir die Herausforderung durch unterschiedliche Herangehensweisen und nehmen uns die Zeit, auch Sachen auszuprobieren.
Wir sind immer daran interessiert die Inhalte und das Ziel des Film auf eine spannende und vor allem passende Art an den Zuschauer zu bringen. Da dies oft auf ganz unterschiedlichem Weg passieren muss, wird uns nicht langweilig.

Film, Fotografie, Musik – wie seid Ihr dahin gekommen, wo Ihr jetzt seid?

Unsere Schwerpunkte überschneiden sich im Bereich Film. Der eine gibt sich zusätzlich der Fotografie hin, der andere der Musik. Das können wir regelmäßig in die Filmprojekte integrieren. Zufällig angefangen haben wir vor einigen Jahren während des Studiums. Eine Sequenz aus Zeitrafferaufnahmen (ein Nebenprodukt der Fotografie) musste mit Musik unterlegt werden, die man bedenkenlos nutzen konnte. Das war unser erstes gemeinsames Projekt, mit dem wir auch direkt etwas Geld verdienen konnten. Der eine hat die Filmaufnahmen gemacht, der andere die Musik produziert. Geschnitten haben wir gemeinsam. Dass wir dort hingekommen sind, wo wir uns jetzt befinden, ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass wir schon immer alles dafür getan haben, Projekte so umzusetzen, wie wir diese als passend und sinnvoll für das Thema erachtet haben. Zu Anfang sicher nicht der einfachste Weg, da so oft auch Projekte nicht zustande kamen – langfristig aber genau der richtige, da wir nun für genau diese Arbeitsweise angefragt werden.

Was habt Ihr beruflich in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt?
Nicht viel. Drehs wurden kurzfristig abgesagt, Projekte auf unbestimmt (oder nächstes Jahr) verschoben, einiges konnten wir geballt nachholen, manches wurde auch komplett gecancelt.
Natürlich ist hier immer etwas Ungewissheit mit im Spiel, laufende Kosten muss man auch ohne Einkommen decken, da wir diese Ungewissheit allerdings noch aus der Anfangszeit unserer Selbständigkeit kennen, waren wir zu Anfang wenigstens noch relativ entspannt. Diese Entspannung ist dann allerdings recht schnell verschwunden, allerdings nicht wegen Existenzsorgen, sondern aufgrund von Langeweile und dem Fehlen einer sinnvollen Aufgabe.

Ihr habt die „Zwangspause“ für ein freies Projekt genutzt – wie ist die Idee dazu entstanden, wie habt Ihr ihn umgesetzt und warum Tanz, wo Ihr doch eigentlich in ganz anderen Feldern unterwegs seid?
Wie viele andere Kreative wollten wir diesen neuartigen Zustand in dem sich mehr oder weniger die ganze Welt befindet, kreativ verarbeiten. Die Endzeitatmosphäre ausgestorbener Großstädte hat uns dabei sehr fasziniert, ein Drohnenvideo ohne Aussage – wie man diese zu Anfang des Lockdowns zuhauf sehen konnte – wollten wir allerdings nicht machen. Irgendwas musste auf diesen leeren Straßen passieren, am besten mit Bezug auf die Kreativbranche, die vom Lockdown erstmal sehr hart getroffen war. No-Budget-Projekte eignen sich noch mehr als bezahlte Projekte, neue Sachen auszuprobieren, Tanz schien uns ein passender Weg, dieses Thema aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Parallel zur Konzeption lief die Suche eines Tänzers, den wir über Instagram erreicht haben, und der sofort von der Idee begeistert war. Am nächsten Tag haben wir uns getroffen, tagsüber die Locations angeschaut und abends/nachts und früh morgens gedreht. Da wir aufgrund des Titels unseres Films eine sehr genaue Deadline hatten (Montag vor Ostern hatten wir die Idee, Karfreitag musste der Film fertig sein), haben wir direkt im Anschluss geschnitten und die Musik fertig gemacht. Das war alles sehr spontan und hätte irgendwo schief gehen können, dann hätte das Ergebnis nie jemand gesehen. Das Gegenteil ist allerdings passiert, wir hatten sehr gutes Timing und auch etwas Glück (z.B. mit dem Polizeiauto und dem Graffiti an der U-Bahnwand, das eine Woche später entfernt wurde).


Wie schätzt Ihr die zukünftige Lage insgesamt für die Branche ein?

Da die einzelnen Tätigkeiten innerhalb der Branche sehr unterschiedlich sind, lässt sich dazu von unserer Seite kaum eine Aussage treffen. Viele hat es sicherlich hart getroffen, einige berufliche Existenzen sind aktuell mit Sicherheit gefährdet. Wir würden schon sagen, dass sich auch noch einiges verändern wird, aber Veränderung ist grundsätzlich nicht immer schlecht. Wir sind davon überzeugt, dass auch in Zukunft Geschichten in Form von Film erzählt werden müssen. Dafür ist eigentlich jetzt ein sehr guter Zeitpunkt.

Was ist Euer persönlicher beruflicher Wunsch für die Zeit die da kommen mag?
Wir können diesem Break durchaus etwas Positives abgewinnen. Die Zwangspause hat mit Sicherheit auch dafür gesorgt, dass Dinge hinterfragt und in Zukunft anders angegangen werden.
Anfragen die mit den Worten “wir benötigen einen Film” losgehen, aber nicht drinsteht, warum und mit welchem Ziel, haben wir in letzter Zeit kaum erhalten. Die Firmen, die hauptsächlich einen Film machen lassen wollen, weil das quasi dazugehört und der Konkurrent ja auch einen hat, sind vermeintlich die, die diesen Punkt aufgrund von Einsparungen grade als erstes von der Liste gestrichen haben. Wir würden uns wünschen, dass Kunden noch ein kleines bisschen mutiger werden, was die passende Umsetzung betrifft. Dann macht es allen noch mehr Spaß, dem Kunden, uns und am Ende auch dem Zuschauer.

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#FacesOfPhotography – Teil 100: Nanna Heitmann aus Moskau

Als der russiche Lockdown begann, hat Nanna Heitmann zuhause eine intime, surreal-fotografische Welt erschaffen. Etwas später dann hat sie Zugang zu einem der Moskauer Krankenhäuser bekommen, um dort die Auswirkungen der Pandemie zu dokumentieren. Was sie dort gesehen und erlebt hat und welche Rolle sie der Fotografie im Allgemeinen zuschreibt, darüber hat sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Nanna, wie geht es Dir?
Ganz gut, es ist doch noch einmal etwas Wärme und Sonne bis nach Moskau durchgekommen!

Was hast Du fotografisch in den letzten Wochen und Monaten erlebt und erarbeitet?
Die letzten Monate waren für mich emotional und fotografisch sehr intensiv. Seltsamerweise hat mich der Lockdown unglaublich beflügelt, Neues zu probieren – ich habe wahrscheinlich so viel fotografiert wie seit langem nicht mehr.
Der mehrmonatige Lockdown in Moskau erinnerte mich teilweise an das Buch 1984 von George Orwell. Während des Lockdowns durfte man ohne speziellen QR-Code nur zum nächst gelegenen Supermarkt oder zur Apotheke. Alles wurde streng kontrolliert. Das Taxi konnte nicht losfahren ohne gültigen Code, die Metro Tür hätte sich nicht geöffnet. Daher habe ich zunächst zuhause fotografiert, beziehungsweise versucht, mit meinem Freund Andrey– der Clown und Puppenspieler ist – eine kleine surreale Welt zuhause und auf dem Dach unseres Wohnblocks zu schaffen. Es war wie eine kleine Flucht, aus dieser seltsamen, bedrückenden Zeit.

Später zog es mich auf die Straße, Journalisten durften zum Glück arbeiten. Mich haben schon immer die Foto Archive der spanischen Grippe fasziniert und mit etwas Glück habe ich einen sehr guten Zugang zu einem Krankenhaus in Moskau bekommen, wo ich mich frei bewegen durfte und fotografieren konnte, so lange wie ich wollte- beziehungsweise so lange, wie ich es ausgehalten habe… Ich habe zuvor nie „Krisen“ fotografiert und selten das Leid anderer. Den ersten Tag im Krankenhaus war ich wie gelähmt und habe die Kamera fast nicht hochbekommen. Bis auf zwei Krankenhäuser von insgesamt 60 in Moskau wurden alle auf Covid umgestellt. Man betritt Krankenhaus-Gelände, wo über 1.000 Patienten mit der selben Krankheit liegen. Eine Krankheit, die bis vor kurzem nicht existiert hatte. Es waren Bilder von toten Patienten oder schwer erkrankten jungen Menschen und selbst Kindern. Und von Ärzten am Ende ihrer Kräfte, die mehr als 24 Stunden ohne Pause, oft selbst mit Fieber und Husten, arbeiten, die sich sehr bei mir eingeprägt haben. Im Krankenhaus arbeiten auch mehrere Militärärzte. Sie meinten, das letzte Mal hätten sie so einen Zustrom an todkranken Patienten im Tschetschenien-Krieg gesehen. Sie scherzten oft: »zumindest weniger Blut und nicht im Zelt.« Umso mehr erschreckt mich die Ignoranz von vielen Menschen. Niemand trägt mehr Maske.

Was bedeutet aus Deiner Sicht die Pandemie für die Fotografie (stilistisch, inhaltlich, wirtschaftlich)?
Meiner Meinung nach sind sehr viele interessante und historisch wertvolle Geschichten entstanden. Eine der bedrückendsten Reportagen hat für mich Tyles Hicks entlang des Amazonas fotografiert.
Der europäische, redaktionelle Markt scheint aber nun nur noch schneller zu schrumpfen, da viele Werbanzeigen verloren gegangen sind und so Magazine und Zeitungen vor noch größere existenzielle Probleme stellt. Die wirtschaftlichen Auswirkungen bekommen wir wahrscheinlich erst in den nächsten Monaten so richtig zu spüren.

Was bedeutet für Dich persönlich die Fotografie – auch in diesen Zeiten?
Diese Zeit hat mir wieder gezeigt, welch wichtiges historisches Dokument die Fotografie ist. Und wie wichtig sie ist, um unser Umfeld und die Zeit in der wir leben besser zu verstehen und zu hinterfragen.



Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zeiten, die kommen?

Ich würde gerne wieder Themen, Orte und Menschen fotografieren können, ohne Covid-Bezug und ohne Angst haben zu müssen, ihnen die Pest aus Moskau mitzubringen…

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Das Foto von Nanna hat übrigens Dmitrii Selianin gemacht.

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