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#FacesOfPhotography – Teil 139: Laura Zalenga aus Rotterdam

Laura Zalenga wünscht sich einen offeneren Umgang untereinander und auch in der öffentlichen Darstellung. Und sie arbeitet an zwei ehrenamtlichen Projekten. Über ihre Gedanken zu der Zeit in der wir leben hat sie mit den #FacesOfPhotography gesprochen:

Laura, wie geht es Dir?
Ziemlich gut. Aber ich will auch nicht verschweigen, dass die Antwort in den letzten
Monaten oft hätte heißen können: »einmal Winterschlaf bitte, bis die Welt wieder…« – ja
was eigentlich? Normal war sie ja nie. Und »wie vor der Pandemie« ist auch nicht wirklich
das, was ich mir wünsche. Dann wären wir ja wieder nur so klug wie davor. Und wenn es
eine große Hoffnung gibt dann doch, dass wir und die Welt aus einer solchen Krise etwas
lernen.
Aber heute ist heute. Die Sonne scheint in die Isolation, die Vögel zwitschern und seit ich
auch endlich die viel gepriesene Morgenroutine für mich entdeckt habe, kommen wieder
mehr gute Tage, Motivation und Inspiration vorbei. Ich genieße das jetzt einfach mal.

Woran arbeitest Du derzeit?
Ich arbeite gerade an zwei neuen, großen Projekten, die nur teilweise mit Fotografie zu tun
haben und nicht beziehungsweise nur ehrenamtlich bezahlt sind. Das klingt erst mal
vielleicht nicht so überzeugend, aber beide Projekte sind Bildungsprojekte zu wichtigen
sozialen Themen, die noch zu wenig besprochen werden. Und zu einhundert Prozent hinter einem Projekt stehen zu können, weil es komplett den eigenen Werten entspricht, ist doch quasi unbezahlbar. Möglich ist dieser Schritt aber nur, weil ich in der Ausnahmesituation des
letzten Jahres bemerkt habe, mit wie viel weniger Geld ich tatsächlich auskommen kann
(aus der privilegierten Position heraus, niemanden außer mich selbst versorgen zu
müssen).

Selbstportrait im Mohn, Mai 2020.

Wie waren die letzten Wochen und Monate für Dich beruflich?
Ich glaube, der Ablauf war ja für viele ähnlich. Anfang letzten Jahres so viele Absagen, wie
sonst im restlichen Leben zusammengezählt noch nie gehabt, dann renoviert, die »freie
Zeit« und die Verlangsamung kurz genossen, und dann schleichend panisch geworden.
Seit ich mich nach dem Architekturstudium 2014 als Fotografin selbstständig gemacht
habe, hatte ich immer ohne Akquise genug Aufträge. Das nimmt man schnell als gegeben
hin. Bis es sich schlagartig ändert. Der rationale Teil des Verstandes sagt dann natürlich,
es liegt an der Pandemie, dass die Auftragslage quasi nicht vorhanden ist, aber der fiese
andere Teil schreit laut: »Deine Arbeiten sind einfach nicht mehr gut genug.« Vor allem,
wenn man bei gefühlt allen anderen trotz der schwierigen Zeiten von vielen großen, tollen
Aufträgen zu sehen bekommt. Da kostet es ganz schön Energie, die Zweifel am eigenen
Können klein zu halten.
Aber klar, man rafft sich auf. Auch ich habe an meiner Website gearbeitet, alte Bilder
aussortiert und neu bearbeitet, meine sozialen Kanäle ein bisschen gepflegt, versucht dort
die Nachrichten endlich mal abzuarbeiten (mäßig erfolgreich), ein paar Kollaborationen mit
befreundeten Künstler*innen gemacht, einen Onlinekurs aufgenommen, Papierkram
erledigt und all diese Dinge.
Ein beeindruckendes, kreatives Projekt umgesetzt habe ich aber nicht. Schiele ein
bisschen neidisch auf all jene, die das scheinbar leichtfüßig nebenher machen. Ja, damit
meine ich auch den Kollegen Hobmaier. Fies gut die Serie – so viel mehr als das Wort
‘Selfies’ im Titel verspricht. Danke für sehr viel schmunzeln.

Kollaboration mit Jewelrycouture-Künstlerin Luise Zücker. Model: Eva Zalenga. März 2021

Hat sich Dein Blick auf die Fotografie allgemein und auf Deine Fotografie im Besonderen
geändert?

Ich habe für mich Wichtiges erkannt. Was mich im letzten Jahr runtergezogen hat, waren
tatsächlich nicht die Geldsorgen an sich, sondern mittelmäßig spaßige, unverschämt
schlecht bezahlte Aufträge von großen Firmen anzunehmen, weil ich dachte, ich gehe
sonst unter. Das macht auf so vielen Ebenen unglücklich.
Also, keine Ausreden mehr: Ich darf keine schlecht bezahlten Jobs annehmen. Tolle
Projekte dann eben im Notfall pro bono. Ist eigentlich so selbstredend, wie »don’t eat
yellow snow«, aber eben auch schwierig, wenn einem beständig gesagt wird, dass man als
Künstler*in über jeden Cent froh sein sollte.
Ich habe auch bemerkt, dass ich mir nicht mehr einreden lassen will, dass ich jedes Jahr
mehr verdienen muss, mehr neue große Namen auf der Kundenliste haben muss, mehr
produzieren muss, kreativer sein muss, mehr Reichweite generieren muss, mehr bekannte
Gesichter vor der Linse haben muss…
Dieses Jahr hat mir gezeigt, dass auch wenn keines dieser Dinge glückt, alles gut ist,
solange ich mir nicht weismachen lasse, dass es eine Katastrophe sei, und in Panik
verfalle. Ich tagträume davon mein Jahr – wenn überhaupt – daran zu messen, ob ich
hinter meinen Arbeiten stehen kann und wie viel Spaß ich hatte.

Selbstportrait mit Spiegel im Wohnzimmer, Januar 2021.

Was ist Dein persönlicher fotografischer Wunsch für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass man mehr über die eigenen Misserfolge oder Stagnation reden
kann ohne, dass es als Versagen oder Jammern angesehen wird. Natürlich nicht nur in
der Fotografie, sondern auch ganz allgemein.
Nur von wenigen (Kreativen) habe ich im letzten Jahr öffentlich gelesen, wie viel Druck
zum Beispiel herrscht die »freie Zeit« kreativ zu nutzen – dabei lässt es sich gerade mit
einem Kopf voller Sorgen nur ganz schlecht kreativ sein.
Die seltenen ehrlichen Einblicke in Energielosigkeit und Kämpfe ums kreative Überleben
haben mir persönlich geholfen etwas Druck rauszunehmen. Und sie haben mich
anerkennend auf die Personen blicken lassen, über den Mut zur ehrlichen – statt
marketing-tauglichen – Selbstdarstellung. Es geht nicht darum jede Sorge und jeden
schlechten Tag mit der Welt zu teilen. Es geht um eine ehrliche Balance. Dauererfolgreiche
Immer-Optimist*innen sind sicher toll anzusehen, aber eben so unrealistisch
und daher als Vorbild meiner Meinung nach sehr ungesund.
Ich will das in Zukunft auch versuchen, mit der weniger geschönten öffentlichen
Kommunikation. Vielleicht können wir ehrliche Vulnerabilität ja normalisieren und als das
sehen, wovon sie zeugt: Stärke.

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