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Horizonte Zingst 2016 | Reinhard Dirscherl

Das Fotofestival »horizonte« in Zingst hat eine Botschaft: Die Welt mit ihren Bewohnern in allen Facetten und ihrer einzigartigen Schönheit zu zeigen. Und damit vor allem auch darauf hinzuweisen, wie fragil unsere Umwelt ist und wie schützenswert Flora und Fauna sind. Darum ist das Fotofestival eben auch nicht einfach nur ein Fotofestival, sondern ganz bewusst ein Umweltfotofestival.

In diesem Jahr ist eines der Hauptthemen: »Rettet die Meere« Gezeigt werden dazu in der großen Outdoor-Ausstellung vor dem Max-Hünten-Haus großartige Bilder von Reinhard Dirscherl, seines Zeichens mehrfach ausgezeichneter Unterwasserfotograf – kuratiert von Klaus Tiedge (Erlebniswelt Fotografie Zingst) und Edda Fahrenhorst (fotogloria).

Nun aber erst einmal ein kleiner, aber feiner Einblick in die Arbeitsweise von Reinhard Dirscherl – Viel Spaß!

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fotogloria: Seit wann bist Du Unterwasserfotograf?
Reinhard Dirscherl: Ich habe im Frühjahr 1989 tauchen gelernt und bereits ein Jahr später meine erste Unterwasserkamera gekauft. Damals eine Motomarine 2 mit externem Blitz und einer Weitwinkelvorsatzlinse. Die fotografischen Ergebnisse waren nach heutigen Maßstäben ernüchternd aber der Anfang war gemacht.
Ein Jahr später kaufte ich mir schon eine Spiegelreflexkamera mit Unterwassergehäuse und einen Amphibienblitz. Ich fotografierte unter Wasser sooft ich konnte, auch in heimischen Gewässern. Die Fotos konnten sich langsam sehen lassen und ich gewann mit meinen Aufnahmen die ersten Fotowettbewerbe.
Nach und nach interessierten sich auch Zeitschriften und Agenturen für meine Fotos und langsam gelang der Einstieg in die prof. Fotografie.

Warum hast Du Dich dafür entschieden?
Ich habe vor der Taucherei ein wenig an Land fotografiert. Aber dies hat mich persönlich nicht so sehr gefesselt. Mit dem Tauchen in heimischen Gewässern und natürlich in tropischen Meeren hatte ich plötzlich so zahlreiche fantastische Erlebnisse, dass ich diese einfach auf Fotos festhalten wollte.

Was fotografierst Du am Liebsten in den Meeren?
Zu Beginn meiner fotografischen Laufbahn waren es die tropischen Riffe, die mich begeistert haben. Zwischenzeitlich faszinieren mich vor allem die großen Jäger unter Wasser: Haie, Wale, jagende Segelfische – ich bin da nicht wählerisch.

Deine Ausstellung in Zingst läuft unter dem Oberbegriff „S.O.S. – Save our Seas“ – Hast Du im Laufe Deiner Berufsjahre eine Veränderung der Ozeane festgestellt?
Ja allerdings – leider keine positiven. Die Meere verarmen und verdrecken zusehends: Alle Fische, die kommerziell verwertbar sind, werden gnadenlos mit immer größeren Flotten gejagt. Es gibt keine abgelegenen Meeresregionen mehr, in denen nicht kommerziell gefischt wird. Besonders schlimm ist der Fang von Thunfischen und Haien. Der Bestand an Haien ist in den letzten zwei Jahrzehnten um ca. 80 % geschrumpft. Weit über 100 Millionen Haie werden weltweit jährlich getötet. Das sind rund 250.000 jeden Tag und drei bis sechs pro Sekunde. Kein anderes wildlebendes Tier wird momentan so brutal und in so großen Mengen abgeschlachtet. Und das wegen einer „Suppe“! Eine weitere Problematik ist natürlich die Verschmutzung und Vermüllung der Meere.

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Was hat Dich in puncto Verschmutzung der Ozeane am meisten beeindruckt/erschüttert?
Ich reise oftmals an Orte, die fern jeglicher Zivilisation sind. Mich hat vor einigen Jahren wirklich erschüttert, dass sogar die abgelegen Inseln der Marshall Islands inmitten des Pazifiks vermüllt sind. Der Zivilisationsmüll ist zwischenzeitlich überall in allen Ozeanen und Meeren sichtbar.

Was ist Dein privater Ansatz zum Schutz der Meere?
Mein Job als Unterwasserfotograf erfordert natürlich, dass ich viel reise. Meine persönliche CO2-Bilanz ist daher mit Sicherheit kein Vorbild. Ich versuche aber, so wenig Müll als möglich zu erzeugen. Man muss nicht jede Banane einzeln in eine Tüte verpacken. Wenn aber Müll anfällt, muss er vernünftig entsorgt und nicht einfach in die Landschaft oder ins Meer geworfen werden.

Was war Deine gefährlichste und was Deine schönste Erfahrung beim fotografieren unter Wasser?
Gefährliche Situationen beim Fotografieren unter Wasser hatte ich noch keine. Selbst große Haie stellen in der Regel, sofern man sich richtig verhält, keine oder nur eine geringe Gefahr da.
Gefährlicher ist da schon eher der Transport zu den Tauchgebieten. Einmal ist vor Papua Neuguinea unser 12 Meter Stahlboot durch eine riesige Welle gekentert. Dabei zog ich mir Knochenbrüche und eine ausgekugelte Schulter zu. Glücklicherweise hatte ich zum Zeitpunkt des Unglücks schon meinen Taucheranzug angezogen. Ohne den Auftrieb des Neoprenanzuges hätte ich die mehrstündige Schwimmeinlage mit nur einem Arm und ohne Flossen zur Küste nicht geschafft. Eine sehr schöne Erfahrung hatte ich vor einigen Jahren mit einer Buckelwaldame nördlich der Dominikanischen Republik. Sie stand kurz vor der Paarung und verhielt sich wie eine rollige Katze. Ich war zwei Stunden mit der zwanzig Meter langen Dame im Wasser und schoss zum ersten und einzigen mal in meiner fotografischen Laufbahn die 32 Gigabyte Karte meiner Digitalkamera voll.

Und las but not least: Welches Bild in der Zingster Ausstellung ist Dein liebstes und warum?
Ich liebe das Foto mit dem neugierigen Brauntölpel, der von der Wasseroberfläche nach unten sieht. Das Foto entstand nach einem tiefen Wracktauchgang im Bikini Atoll, wo die Amerikaner mit Atombomben zahlreiche Kriegsschiffe versenkt haben. Nach einem Tauchgang zum Flugzeugträgerwrack Saratoga und einer einstündigen Dekopause in neun, sechs und drei Metern Wassertiefe mit reinem Sauerstoff blickte mich der Vogel an der Wasseroberfläche neugierig an. Ich tauchte direkt unter ihn, hielt die Luft an und schoss das Foto.