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Horizonte-Countdown 2015 | Toby Binder

 »One World« ist auch in diesem Jahr wieder eine brisante Mischung mit begeisternd vielfältigen und inspirierenden Gedankenanstößen.« So fasst Kurator Klaus Tiedge die Gruppenausstellung zusammen, die im Rahmen des achten Umweltfotofestivals »Horizonte Zingst« am 30. Mai eröffnet wird. Und in der Arbeiten von sieben fotogloria-Fotografen gezeigt werden.

Bis zum Festival-Startschuss stellen wir Ihnen jeden Tag einen anderen Fotografen und seine Arbeit vor, heute ist es Toby Binder mit seiner Reportage »Konfliktfreier Zinnabbau im Ostkongo«. Viel Vergnügen!

fotogloria _ Toby Binder _ Erzabbau Kongo _ 1

WAS
»Konfliktfreier Zinnabbau im Ostkongo« – Ohne die Gewinnung von Zinnerz gäbe es keine Smartphones, Digitalkameras oder Laptops. Doch an dem Metall, das in Teilen aus dem Ostkongo stammt klebt Blut. Immer wieder besetzen Rebellengruppen die Erzminen. Mit dem Geld, das sie von Bergleuten und Händlern erpressen, finanzieren sie ihre Waffen. Im kongolesischen Bürgerkrieg und in den fortlaufenden Konflikten im Osten des Landes, sind in den vergangenen 15 Jahren mehrere Hunderttausend Menschen ums Leben gekommen, mehrere Millionen wurden vertrieben, zehntausende Frauen vergewaltigt. Wer sich in Europa ein Handy kauft, muss damit rechnen, diesen Krieg ungewollt mitzufinanzieren.
Seit der Jahrtausendwende forderten NGO-Aktivistinnen und Aktivisten Gerätehersteller auf, ihre Lieferketten offenzulegen. Ein Gesetz gegen »Blutmineralien«, das der US-Kongress 2011 verabschiedete, verlangt von an der US-Börse gelisteten Firmen den Nachweis. dass Rohstoffe wie Zinnerz und Coltan aus dem Kongo und seinen Nachbarstaaten aus Minen stammen, die von keiner bewaffneten Gruppe kontrolliert werden. Daraufhin hat der Interessenverband der Zinnindustrie, das International Tin Research Institute (lTRI) mit Sitz in London, mit Partnern aus der Computer- und Telekommunikationsbranche ein System entwickelt, mit dem die Lieferkette von Zinn bis zum Bergwerksstollen luckenlos zuruckverfolgt werden kann. ln Nyabibwe wird das System in einem Pilotversuch getestet und von dem niederländischen Produzenten »Fairphone ß. V.« als erstem Hersteller genutzt. Toby Binder ist 2013 nach Nyabibwe gereist und hat das Projekt dort fotografisch dokumentiert.

WO
Nyabibwe, Süd-Kivu, Demokratische Republik Kongo

WARUM
ln einer globalisienen Welt ist es zunehmend schwierig nachzuvollziehen, welche Rohstoffe in
unseren Konsumgütern woher stammen – und welche Folgen ihre Förderung für die Menschen vor Ort hat. Das ITRI-Verfahren ist ein postives Beispiel, wie durch eine lückenlose Offenlegung der Lieferkette ausgeschlossen werden kann, dass Rohstoffe zur Finanzierung von Konflikten beitragen. Und das so dem Konsumenten die Möglichkeit, aber auch die Verantwortung übertragen wird, genau hinzuschauen, wo die Teile seines Mobihelefons, Computers oder Tablets herstammen.

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WIE
Die Kamera im feuchten Schlamm der Minen bestmöglich wasserdicht verpackt und in den dunklen Stollen und Höhlen der Mine nur im Schein der Stirnlampe – vor allem auf einen schnellen Autofokus verlassend.

WER
Nach seinem Abschluss in Kommunikationsdesign bei Hans-Georg Pospischil und dem Master of Photography 2005 in Stuttgart, spezialisierte sich Toby Binder auf Reportagen vorwiegend aus den Bereichen Umwelt und Gesellschaft. In den letzten Jahren reiste er etwa zu den Ölfeldern in Aserbaidschan, erarbeitete eine Strecke über die Müttersterblichkeit in Sierra Leone oder begleitete illegale Kohlegräber in Polen. Toby Binder lebt in München.

P.S.: Toby Binder hat die Reportage seinerzeit für das Magazin Neon fotografiert und wir haben ihn für den fotogloria-Blog natürlich ausführlich dazu befragt. Das Interview finden Sie HIER.

P.P.S.: fotogloria vertritt Toby Binder exklusiv iund weltweit. Und über fotogloria können Sie ihn gerne für Ihre Ideen und Aufträge buchen. Melden Sie sich jederzeit unter 040 609 42 906 -0 oder info@fotogloria.de.

Neon – Toby Binder fotografiert Reportage über fairen Erzabbau im Kongo

Man sagt, die engagierte und außerdem finanzierte Reportage sei eine vom Aussterben bedrohte Gattung. Zwar ist es tatsächlich so, dass sie mittlerweile im großen Reigen der fotografischen Möglichkeiten vergleichsweise nur noch eine Nische besetzt – und leider permanent unterbezahlt wird – aber in der gesellschaftlichen Bedeutung ist und bleibt sie ein Schwergewicht.

Deswegen ist es immer wieder schön, gute Reportagen über mehrere Seiten gedruckt zu sehen. Eines der besten aktuellen Stücke ist derzeit in der Neon zu sehen. Das Münchner Magazin schickte fotogloria-Fotograf Toby Binder für eine Geschichte über fairen Erzabbau in den Kongo. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, selbst für einen erprobten und erfahrenen Fotografen wie Toby Binder. fotogloria hat ihn zu seinen Erfahrungen befragt.

fotogloria: Du bist für Neon in den Kongo gefahren, was war Deine Aufgabe?
Toby Binder: Ich habe gemeinsam mit dem Redakteur Jörg Endriß die Arbeit in einer Mine dokumentiert, in der Zinnerz legal abgebaut und exportiert werden darf, da sie nicht von bewaffneten Gruppen kontrolliert wird und somit als „konfliktfrei“ gilt; das Material aus dieser Mine wird dann unter anderem im „Fairphone“ verbaut werden, das im Sommer auf den Markt kommt – das erst Smartphone, das komplett aus zertifiziert „konfliktfreien“ Materialien hergestellt wird.

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Wie hast Du Dich auf die Reise vorbereitet und was konntest Du von Deutschland aus organisieren?
Wir hatten Kontakt zu der Organisation ITRI, die diese Zertifizierung vor Ort durchführt. Dadurch war es dann im Kongo einfacher, an die ganzen nötigen Genehmigungen zu kommen. Aber trotz guter Vorbereitung passieren natürlich immer wieder Überraschungen; so sind wir z.B. 2 Tage in der Provinzhauptstadt Bukavu festgesteckt, bis endlich jemand vom Minenministerium zu sprechen war.

Wie bist Du mit den Minenarbeitern in Kontakt gekommen?
Zuerst über ITRI, deren lokaler Partner uns auch in die Mine von Nyabibwe begleitet hat; vor Ort versucht man dann ein Gespür für geeignete Protagonisten zu entwickeln. Die Hauptperson unserer Geschichte, Rugangu, haben wir dann abends im „Café de Mine“, dem zentralen Treffpunkt des Ortes, gefunden und angesprochen.

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Wie arbeitest Du in solchen Situationen – als stiller Beobachter, in ständigem Kontakt etc.?
Teils, teils, man muss natürlich den Kontakt mit den Menschen suchen und auch erklären, warum man plötzlich in ihr Leben platzt – um sich dann aber auch, sobald eine gewisse Vertrautheit hergestellt ist, wieder zurückzuziehen und zu beobachten – ohne dass man dann noch groß wahrgenommen wird. Vor allem in der Dunkelheit der Stollen hat das auch ganz gut funktioniert!

Was war der schwierigste Moment in der Geschichte?
In die – oft nur hüfthohen – Erdlöcher zu kriechen und dann nur im Schein der Stirnlampe bis zu 70 Meter in den Berg zu krabbeln hat schon Überwindung gekostet und man denkt sich zuerst: so schnell wie möglich wieder raus! Aber sobald man am Fotografieren ist, vergisst man Zeit und Raum und konzentriert sich nur noch auf das Bild.

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Und der schönste?Mit einem guten Ergebnis wieder rauszukommen! Aber auch die anerkennenden Blicke der Minenarbeiter, die abends im „Café de Mine“ der komplett verdreckten Kleidung galten; und Rugangu mit etwas Stolz berichtet: „Ja! Er war wirklich im Berg!“

Wie viel Zeit hattest Du für die Reportage?
Alles in allem 10 Tage, aber sowohl die Organisation (bis man alle Genehmigungen und Stempel hat!) als auch die Anreise (zu Land, Wasser und Luft) war sehr aufwendig; im Minenort Nyabibwe selbst waren wir 3 Tage.

 

* Toby Binder schloss 2005 in Stuttgart ein Studium in Kommunikationsdesign und Fotografie ab und fokussiert seine Arbeit seither auf Umwelt- und Gesellschaftsthemen. Schon früh führten ihn Reportagereisen nach Afrika, so dokumentierte er die Müttersterblichkeit in Sierra Leone oder verfolgte den Betrieb auf der Geburtsstation eines malawischen Krankenhauses; auch in Osteuropa oder Lateinamerika stellte er seinen differenzierten, aber nie ins Gekünstelte umschlagenden Sinn für Farbe und Gestik in den Dienst der Unterprivilegierten und Randständigen. Toby Binder lebt in München.

HIER sind die Arbeiten von Toby Binder zu sehen. Und natürlich kann man ihn auch für Aufträge buchen – melden Sie sich gerne und jederzeit unter 040 609 42 906 oder info@fotogloria.de.