Peladão – Die Schöne und das Spiel

506 Amateur-Mannschaften, 506 Schönheitsköniginnen und monatelang nur ein Thema: Fußball. Nichts erzählt so viel über die brasilianischen Leidenschaften wie das wohl größte Amateur-Fußball-Turnier der Welt: Der Peladão. Ausgetragen in Manaus steht der Wettkampf praktisch jedem, der weder Mühen noch Anreise scheut, offen. Einzige Bedingung: Eine schöne Frau muss die Mannschaft begleiten – sozusagen als Joker, falls die spielerischen Qualitäten der Fußball-Elf nicht standhalten…

fotogloria-Fotograf Alois Gstoettner war 2013 beim Peladão dabei – für den fotogloria-Blog hat er Auszüge seiner Reportage in Text und Bild exklusiv zur Verfügung gestellt.

Im brasilianischen Portugiesisch bezeichnet das Wort »Pelada« umgangssprachlich ein spontanes Spiel, zumeist barfuß auf rasch abgesteckten Feldern. Die Pelada ist eine Huldigung der zwanglosen Bolzerei, ohne sich an ein strenges, gnadenloses und humorfreies Reglement zu binden.
Die Pelada wird tagtäglich tausendfach im ganzen Land praktiziert: in den gepflasterten Gassen von Salvador, an den Bushaltestellen von Recife, in den Parks von Brasília und natürlich an den Stränden von Rio de Janeiro. In Manaus aber, der Hauptstadt des flächenmäßig größten brasilianischen Bundesstaates Amazonas, bekommt die Pelada eine neue, imposantere Dimension: Sie wird zum Peladão, einem Turnier der Superlative.

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Seit Anfang der 1970er-Jahre, als A Crítica, die auflagenstärkste Tageszeitung im Amazonas, diese Veranstaltung initiierte, wird der Bewerb alljährlich zwischen August und Dezember ausgetragen. Die annähernd zwei Millionen Einwohner zählende Stadt Manaus liegt 3000 Kilometer beziehungsweise vier Flugstunden nördlich von São Paulo und genießt in vielerlei Hinsicht einen besonderen Status: Gelegen am Rio Negro, unweit dessen Mündung in den Amazonas, ist die Stadt – abgesehen von der Überlandverbindung in das Nachbarland Venezuela – nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar. Durch die isolierte Lage der Hauptstadt Manaus gestaltet sich die Anreise für viele Mannschaften schwierig, vor allem in finanzieller Hinsicht: Manche Teams nehmen eine mehrtägige Bootsfahrt auf sich, nur um ein einziges Spiel zu bestreiten.
Und als ob dieser exotische Schauplatz nicht ausreichend wäre, muss seit dem zweiten Jahr des Turnierbestehens jede teilnehmende Mannschaft eine eigene Schönheitskönigin in den parallel stattfindenden Schönheitswettbewerb schicken. Die jungen Frauen, die in eigenen Fernsehshows zu den schönsten gekürt werden, sichern ihrer unter Umständen bereits ausgeschiedenen Mannschaft einen Platz in der Hoffnungsrunde.

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Das Regelwerk jedenfalls ist komplex. So ist es den Schönheiten ausdrücklich verboten, während der Dauer des Wettbewerbs private Einladungen anzunehmen oder an Fotoshootings teilzunehmen. Darüber hinaus wird auch, wie selbstverständlich, »die ständige Begleitung der Mutter« empfohlen.
Doch die Mühe lohnt sich: Für einige der teilnehmenden Damen ist der Bewerb der Startschuss für eine Karriere auf dem Laufsteg. Priscilla Meirelles zum Beispiel brachte es im Jahr 2004 immerhin zur »Miss Earth« und ist heute als Showmasterin, Model und Schauspielerin aktiv. Auch bei den Herren schaffte einer den Sprung nach ganz oben: França, Stürmer der Seleção und bei Bayer 04 Leverkusen, begann beim Turnier in Manaus seine steile und erfolgreiche Laufbahn.

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Manchmal auch als die »Olympischen Spiele des Amazonas« bezeichnet, an denen jeder teilnehmen kann, der möchte, lässt sich die Bedeutung des Peladão nicht zuletzt auch an den Zuschauerzahlen messen: Während die Mannschaften in der regionalen Meisterschaft, der Campeonato Amazonense, meist nur einige hundert Interessierte anlocken, werden die Entscheidungsspiele des Peladão regelmäßig von mehr als 10.000 Besuchern verfolgt.
Arnaldo Santos, der Organisator des Turniers, fasst die Philosophie der Veranstaltung enthusiastisch zusammen: »Der Peladão ist ein fantastisches Zeichen der Kraft, der Entschlossenheit, der Opferbereitschaft, aber vor allem des Lebens.« Der integrative Charakter der Veranstaltung, die Menschen unterschiedlichster Schichten im Spiel vereint, ist ein wesentliches Element des Peladão. Im 62-seitigen Regelwerk proklamiert der erste von über 200 Artikeln: »Das Ziel des Peladão sind die soziale Integration des Volkes durch den Sport, die Förderung des technischen Potenzials und die Hervorhebung des Mutes und der Schönheit der amazonensischen Jugend.«

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Der Enkelsohn des Gründers, Dissica Calderaro, hat eine pragmatischere, weniger romantische Erklärung für den Erfolg des Turniers parat: »Brasilien hat drei Leidenschaften: Die eine ist Futebol, die andere Frauen und die dritte Bier. Wenn diese drei Dinge zusammentreffen, dann kannst du alles andere vergessen.«

Text und Fotos: Alois Gstoettner, 2013
(Das Copyright liegt bei dem Autor. Wenn Sie – auch auszugweise – Interesse an dem Text und/oder den Bildern haben, setzten Sie sich bitte mit fotogloria in verbindung – danke!)

* Alois Gstoettner ist ein Fußball-Multitalent: Er fotografiert, schreibt, layoutet und bloggt rund um »sein« Thema. So gründete er etwa im Jahr 2007 das Fußball-Magazin »Null Acht – Magazin für Rasenpflege«, veröffentlicht seine Fußball-Bilder in allen wichtigen Magazinen und bringt alsbald ein Buch über den brasilianischen Fußball heraus. Es trägt den Titel: »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«. Alois Gstoettner lebt in Wien.

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